NLP: Arznei oder Placebo?

Was wirkt im NLP?

Fritz-Peter Eberwein im Mai 2010
NLP-Coaches und Therapeuten (hier im Weiteren „Berater“ genannt), unterstützen Menschen mit persönlichen Themen und Anliegen. Diese Menschen (im Folgenden „Klienten“ genannt) suchen Unterstützung, wollen ihre Ziele erreichen und neue Lösungen finden. Es geht dabei im weitesten Sinne um die Gesundheit der Klienten, denn Gesundheit ist „körperliches, geistiges, soziales Wohlergehen, und nicht nur das Fehlen von Krankheit und Gebrechen“.

Die moderne Medizin leistet ihren Beitrag. Mehr noch zieht es immer mehr Menschen hin zu alternativ- und komplementär- Heilmethoden, die das Wissen aus Erfahrungsheilkunde, schamanischen Ritualen, und neueren Erkenntnissen aus sog. Bio-energetischen Verfahren (Kinesiologie, EMDR, u.a.) nutzen.

Dem Trend einer steigenden Zahl von Patienten hin zu alternativ- und komplementär-Medizin folgt erfreulicherweise eine ebenfalls zunehmende Zahl etablierter Ärzte aller Fachrichtungen. Diese Entwicklung birgt jenseits von Marketing-Aspekten die Chance auf Rückbesinnung: Altbewährtes zu integrieren und in interdisziplinärer Kooperation Synergie-Effekte zu nutzen, von denen alle Beteiligten im System profitieren.

Ob traditionelle, moderne oder alternative Verfahren: Alle greifen bisweilen auf die unterstützende Wirkung von Arzneien zurück.

Wenn Kommunikation in Beratung, Training, Coaching und Mediation als etwas definiert wird, bei dem Botschaften nicht nur gesendet, sondern auch empfangen werden, und ausschliesslich der Empfänger der Botschaft deren Wirkung (Bedeutung) bestimmt, dann ist dies unsere Kernkompetenz,  die „Arznei“, mit der wir agieren. Was also kann NLP im Sinne eines „Verums“ (Arzneimittel mit Wirkstoff, lat. das Wahre) bewirken, also wirksam und hilfreich sein? Ist NLP am Ende nur „Placebo“ (ohne Wirkstoff, lat. Ich werde gefallen) oder gar „Nocebo“ (lat. Ich werde schaden)?

Das „N“ im NLP steht für neuronale Prozesse. Es beschreibt menschliche Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen. Wie werden Informationen von unseren fünf Sinnen aufgenommen, wie werden sie verarbeitet und wie wiedergegeben? In unseren Reaktionsmustern auf Bedrohung  ( Interaktions-Pyramide, Abb.1)  gibt es die Grundmuster Flucht, Kampf, Erstarrung („Totstellen“). Während  Dinosaurier und Reptilien noch „Einzelkämpfer“ waren, hat sich entwicklungsgeschichtlich die Kommunikation und die Kooperation als dasjenige Reaktionsmuster entwickelt, welches bis heute unserer Art das Überleben gesichert hat. Die Entscheidung für eines dieser Muster erfolgt mit einer Geschwindigkeit, der unser bewusstes Denken nicht annähernd nachkommt. Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck. Ob Säbelzahntiger oder potentielle, lustvolle Reproduktions-Chance entscheidet der Mandelkern unseres Gehirns, nicht der Frontallappen. Freilich lässt sich mit einem Säbelzahntiger nicht verhandeln, mit einem Exemplar unserer eigenen Spezies schon, sofern für die Beteiligten ein Nutzen erkennbar ist.

Mit NLP nutzen wir diese Chance, für  Berater und Klient einen angenehmen Arbeitsrahmen zu schaffen. Schon im Erstkontakt guten Rapport herzustellen heisst, die Aktivität der Spiegelneurone zu nutzen. Unser Klient ist erleichtert, die Person, das Ambiente, die Kompetenz des Beraters, gefunden zu haben, die ihm mit seinem Anliegen weiterhelfen kann. Damit ist er bereits den ersten, entscheidenden Schritt in Richtung Lösung unterwegs. Die Bedeutung für die folgende Beratung ist grundlegend: Es entsteht eine zarte, neue synaptische Verbindung im Gehirn, die Lernen ermöglicht. Der alte Pfad: „Ich bin ein armes Schwein, keiner kann mir helfen“ wird verlassen, und der neue Weg: „Da habe ich ja die Chance, mein Ziel zu erreichen / eine Lösung zu finden“ wird begangen.

Die Arzneien des NLP, die guten Rapport entstehen lassen, heissen Pacing, Schlüsselworte spiegeln, positiv reframen und aktives Zuhören. Milton H. Erickson hat als einer der „Urväter“ des NLP hierfür Steilvorlagen geliefert. Carl Rogers, der die Grundlagen für Marshall B. Rosenbergs „Gewaltfreier Kommunikation“ schuf, und viele Andere, stellen uns ein ganzes Feuerwerk von Arzneien zur Verfügung.

„L“ = linguistisch umfasst alles Sprachliche unseres Verhaltens, auch para- (Stimme, Ton, Geschwindigkeit) und nonverbales (Körperhaltung). Im Amerika der 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts haben wegbereitende Forschungen zur Struktur und Wirkung von Sprache stattgefunden. Diese und nach Ihnen viele andere Autoren haben NLP wesentlich geprägt. Die im NLP beschriebenen Sprachmodelle bieten zusammen mit Metaphern, Phantasiereisen, Musik, Bewegung, eine reichhaltige „Apotheke“ zur Anwendung in der Beratung. Empathie in Haltung und Ausdruck, Sprach-Kompetenz und Prozess-Sicherheit ist  gut verträgliche „Medizin“ in der Beratung. Positive Risiken und Nebenwirkungen sind effektive, rasche, zielführende Lösungen für den Klienten und  die Festigung der Reputation des Beraters.

Im „P“ finden wir die Prozesse wieder, die Veränderung ermöglichen. Das Gelernte wird geprüft, geübt, wiederholt und angewandt. Der Klient als einzigartiger Experte für sein Thema kennt die Stolpersteine auf dem neuen Weg und weiss sie zu umgehen. Wie bei den ersten Schritten eines Kleinkindes kommt es dabei gelegentlich zu „Um“fällen. Dies sind wertvolle Lernchancen, die Synapsen noch fester zu verschalten, im Bewusstsein, dass das Neue Gewinn bringt und nichts dafür aufgegeben werden muss. NLP bietet hier unschätzbar wertvolle „Pillen“: Oekologie-Check und Future Pace. Wie bei der Abschlussvereinbarung in einer Mediation wird hier ein „nachhaltiges Optimum statt eines kurzfristigen Maximums“ erzielt. Die Kenntnis des Heimatsystems und die Betrachtung des Beratungssystems stellt dem Berater zusätzliche, systemische Möglichkeiten zur Verfügung: Angebote an den Klienten zu machen, bestehend aus Salben, Tropfen, Säften, Tabletten, usw. aus der NLP-Apotheke. Der Klient bedient sich nach Lust und Laune, – oder auch nicht. Schädliche Nebenwirkungen sind auch hier kaum bekannt. Ausser: Es waren nicht Angebote, sondern Verschreibungen. Der Klient „schreibt“ sein „Rezept“ selbst, d.h. er nimmt sich, was ihm aus der Angebots-Palette zusagt, ihm „taugt“.

Nach meiner persönlichen und der Erfahrung vieler meiner NLP-KollegInnen ist NLP als Arznei hoch wirksam.  Doch Vorsicht: Wie in der Pharmakognosie gilt der Grundsatz „dosis facet venenum“ (Die Menge macht das Gift). Ein bisschen NLP wird wenig bewirken und eher sich selbst schaden. Zu viel davon kann den NLP-Grundsatz der Freiwilligkeit und Wertschätzung in Frage stellen.

Die positive Erwartung unserer Klienten, dass dieser Mix aus unserer NLP-Apotheke die erwartete Wirkung zeigen wird, ist ganz wesentlich geprägt von Faktoren, die uns als Berater zunächst nicht zugänglich sind. Sie befinden sich im Heimatsystem des Klienten.

Eine Auswahl:

  • Frühere Erfahrungen des Klienten mit Beratern
  • Medien-Berichte über NLP, positiv/negativ
  • Erfahrungen Dritter mit uns als Berater/ mit NLP
  • Logik im Weltbild des Klienten („wenn, … dann“)
  • Verbale / nonverbale Signale
  • Persönlichkeit, Kompetenz des Beraters aus Sicht des Klienten
  • „Wissen“ des Klienten über die Beratungsform (Glaubenssätze)
  • U.v.a.m.

Das Heimatsystem des Klienten trifft eine Vorentscheidung darüber, ob die Beratung erfolgreich verlaufen wird. Je nachdem, wie diese Entscheidung ausfällt, sind wir aus Sicht des Klienten Retter oder eine weitere „Leiche“ auf seinem Weg eines „Koriphäen-Killers“.

Hilfreich ist auch die „Verstehbarkeit, Gestaltbarkeit, Sinnhaftigkeit“ einer Intervention für den Klienten, also die vollkommene Offenlegung dessen, was wir tun, im Sinne des „Sense Of Coherence“.

Ob die Energie in einem Milchzucker-Kügelchen ihre heilende Wirkung entfalten kann oder nicht, ist ziemlich unabhängig von objektiven Kriterien wie Mess- und Nachweisbarkeit dieser Energie, sondern von der Einstellung des Patienten dazu.

Wesentlich ist schon die Hoffnung, und der Glaube des (Homöopathie-) Patienten, die erwünschte Wirkung möge eintreten, sowie die Glaubwürdigkeit (Kongruenz) des Verschreibenden in den Augen des Patienten.

Die emotionale Schaltzentrale unseres Gehirns, das limbische System, steuert über Botenstoffe (Hormone) die Prädisposition in uns, etwas (oder Personen) zu akzeptieren oder abzulehnen. Dabei vergleicht es die Situation mit früheren Erfahrungen und trifft ja/nein- Entscheidungen innerhalb von Millisekunden. Der Ausgang der Entscheidung wiederum hängt also von früheren positiven oder negativen Lern-Erfahrungen ab. Wenn es in unserem Heimatsystem Referenz-Erfahrungen gibt, bei denen Homöopathie, Chemotherapie oder NLP (um nur einige Beispiele zu nennen), geholfen hat, dann genügt das für eine positive Vorentscheidung.

Wer schon mal das Bedürfnis hatte, hinter sich zu schauen, weil er die Vermutung hatte, dass jemand intensiv seinen Hinterkopf betrachtet, wird bestätigen können, dass diese „Energien“, von denen gerade in den Bereichen körperlich-geistiger-sozialer Prozesse oft die Rede ist, nicht wirklich objektivierbar und quantifizierbar sind. Trotzdem wissen die meisten von uns, dass sie existieren. Die Huna-Philosophie auf Hawaii bringt es auf einen einfachen Nenner: „Energy flows, where attention goes“.

Wir, NLP-Trainer, NLP-Coaches, Mediatoren, Therapeuten, können uns zunehmend entspannt zurücklehnen: Die Beweise für die Wirksamkeit von NLP werden uns nahezu täglich von der Hirnforschung, Neurobiologie, Psychologie, geliefert. Was wir schon immer wussten, wird jetzt von Seiten der Wissenschaften bestätigt.

In unzähligen Doppelblind-Studien wurde nachgewiesen, dass ein Arzneimittel ohne Wirkstoff (Voraussetzung: Es gleicht dem Mittel mit Wirkstoff in Form, Farbe, Geschmack, usw.) oft die gleiche Wirkung hat wie das „Verum“ (=mit Wirkstoff). Dieses als Placebo-Effekt bekannte Phänomen findet sich ebenfalls im NLP. Jemand, der eine NLP-Ausbildung angeht oder einen Berater aufsucht, hat den ersten Schritt gemacht, positive Veränderungen auf den Weg zu bringen.

Die Wirksamkeit von NLP ist freilich davon abhängig, wie viel authentisches, wertschätzendes, achtsames, kongruentes NLP „drin“ ist, wo NLP „drauf steht“.

Fritz Peter Eberwein

Lehrtrainer DVNLP

 Coach DVNLP

Systemischer Coach im Gesundheitswesen

Kontakt:

Fritz Peter Eberwein

Zwiesele 12

88178 Heimenkirch

fritz.eberwein@inntal-institut.de

 

Quellen

Dieser Artikel erschien 2010 in der Zeitschrift „Kommunikation & Seminar“ im Junfermann-Verlag.

Definition der Weltgesundheitsorganisation, WHO

Der wundersam Gerettete: Prof. Hunstein und die heilende Wirkung von grünem Tee, GEOWISSEN 2008

Nach G.Schwarz, A.v.Hertel: „Beziehungs-Tetraeder“

Das kooperative Gen: Joachim Bauer, Kritik des Darwinismus

Warum ich fühle, was Du fühlst: Joachim Bauer, Spiegelneurone

Beratung  (…) optimal vorbereiten: Manfred Prior

„Hebbsche Regel“, Donald O. Hebb, 1949

Lernen und die Schule des Lebens: Manfred Spitzer

N. Chomsky, A. Korzybski, u.a.

My Voice will go with You: S:Rosen über Milton H. Erickson

Professionelle Konfliktlösung: Anita v. Hertel,

Einführung in die hypnosystemische Beratung und Therapie: Gunther Schmidt

Ebd.

Salutogenese: Aaron Antonovsky

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