Wollen, Können, Tun
Gedanken zum Persönlichkeitsmodell von Robert Dilts
Wer bin ich?" lautet die Frage auf der Ebene der Identität: Sie wird mit dem SEIN beantwortet. „Ich bin der, der ich bin" ist die einfachste Beschreibung einer Persönlichkeit, eines Individuums. Die Persönlichkeit ist das bestimmende Prinzip für alles, was zu mir gehört und passt - oder eben auch gerade nicht. Insofern ist die Ebene des SEINs die oberste Ebene im Persönlichkeitsmodell; sie ist auch das entscheidende Kriterium dafür, was wir DÜRFEN: Es ist die Instanz unseres Gewissens.

Abb. aus D. Blickhan: "Das Persönlichkeits-Panorama"
Junfermann, Paderborn 2001
Ein Maß für diese innere Erlaubnis ist die Stimmigkeit, die wir erleben: wie passt unser Verhalten zu unseren Fähigkeiten, Werten und zu unserer Persönlichkeit. Und dazu gehört auch, wie wir unser Verhalten, unsere Fähigkeiten und Überzeugungen und damit unsere gesamte Persönlichkeit weiterentwickeln. Das ist eine Frage der „inneren Ökologie". Wenn diese nicht gewährleistet ist, weil wir uns entgegen unserer inneren Natur verhalten, wird das Leben subjektiv anstrengender, und auf andere Menschen wirken wir weniger glaubwürdig und überzeugend.
Diese innere, persönliche Erlaubnis ist nicht zu verwechseln mit einer Erlaubnis eines anderen von außen, die wir erst erbitten müssen. Auf diesen Punkt werden wir am Ende noch einmal zurückkommen.
Fähigkeiten werden vom KÖNNEN bestimmt. Dabei sind sowohl persönliche Talente als Ressourcen, als auch erworbene, ausgebildete und trainierte Fertigkeiten. Das gilt auf der körperlichen Seite ebenso wie auf der kognitiven Seite. Ein wesentliches Verdienst.
Auf der Ebene der Werte wirkt das WOLLEN: Was ist wichtig genug, damit jemand es wirklich will? Das Wort wollen ist ja in vielerlei Hinsicht deutbar, deshalb sei hier einem häufigen Missverständnis vorgebeugt: Hier geht es nicht um Willkür und Beliebigkeit, sondern es sind die intentionalen und motivationalen Aspekt gemeint: der „feste Wille" und die „wahren Bedürfnisse". Ziele und Absichten sind dabei ebenso zu berücksichtigen wie Motive und Interessen. Viele Werte sind in Einstellungen verankert. Eine wesentliche Motivationshilfe ist die innere Einsicht, wozu mein Verhalten oder meine Fähigkeit nutzt oder wofür es wichtig ist. Die Frage auf dieser Ebene lautet: „Warum will ich das wirklich? Wozu brauche ich das?"
des NLP ist ja gerade die Kunst der ausführlichen Analyse und Bearbeitung von mentalen Strategien. Können resultiert aus angewendetem Wissen, aus dem „know how". Strategien geben Antwort auf die Frage, WIE Wissen eingesetzt werden kann, WIE etwas zu tun ist: „WIE machst Du das im Einzelnen genau?"
Zum Verhalten gehören sowohl Wahrnehmen einerseits als auch bewusstes und unbewusstes Handeln andererseits. Auch wenn die Schlüsselfrage „WAS TUN?" von vielen eher auf das äußere Verhalten hin verstanden wird, so ist doch gerade das Wahrnehmen ein sehr persönlicher und entscheidender Akt, der prinzipiell die Weichen für die Qualität der inneren Verarbeitung stellt („Garbage in, garbage out").
Wahrnehmen und Verhalten sind die Schlüsselstelle für Kontakt und Kommunikation. Je mehr jemand sagt und tut, desto mehr kann ein Partner wahrnehmen - wenn er das will und wenn z.B. auch genug Zeit zur Verfügung steht.
Die Umwelt ist definiert durch die Situation: WO und WANN findet ein Verhalten statt, ist eine Strategie angemessen, ist ein Wert wichtig? Die Gretchenfrage lautet dabei, wer denn diese Angemessenheit beurteilt. Für viele gehört gerade auch im sozialen Umfeld dazu, dass sie auf die Gegebenheiten der Situation Rücksicht nehmen MÜSSEN. Die Situation enthält oder liefert Sachzwänge. Diese Sichtweise schränkt aber die Persönlichkeit ein.
Wesentlich hilfreicher ist es deshalb, auch hier auf das Konzept der „Erlaubnis" zurückzukommen. Im Unterschied zur inneren Erlaubnis, die wir am Anfang des Artikels beschreiben und die als Gewissensentscheidung nicht „delegierbar" ist, kann diese „soziale" Erlaubnis vereinbart werden. Dies kann offen diskutiert und auch dokumentiert werden, es ist eine Frage der Äußeren Ökologie. Aber oft entwickeln sich solche Vereinbarungen unbewusst. Im Fußball gibt es z.B. festgeschriebene Regeln, die jeder Spieler und Trainer kennt oder kennen sollte. In der Praxis aber gibt es ein informelles Verständnis, was und wie viel der Schiedsrichter zulassen kann oder will, und alle wissen, dass jede Regel der Auslegung bedarf. Verschiedene Spielkulturen können sich dabei ganz wesentlich unterscheiden. Reporter sprechen bei klaren Fouls gerne auch mal von „internationaler Härte", und ob ein Sturz eine Schauspieleinlage ist, wird in Südamerika anders beurteilt als in Schottland.
Viele andere Regeln sind völlig unbewusst, sie können sogar von Außenstehenden leichter erkannt werden als von den Anwendern selbst. Hier hilft NLP, durch gezieltes Beobachten und Kalibrieren die Reaktionen der Umwelt zu erkennen und einzuordnen.
Die gleiche Unterscheidung gilt im öffentlichen Leben. So sind viele Konventionen darüber entstanden, wer wen wie anreden „darf" oder nicht, wie man sich zu begrüßen oder zu entschuldigen hat. Viele Regeln werden bewusst überliefert, und jeder kann lernen, die Auslegung und Einhaltung zu diskutieren und zu verhandeln, wie weit er sich darauf einlassen will. Statt um MÜSSEN geht es dann um das DÜRFEN. Typisch ist das etwa beim Verhandeln der Kompetenzen, die in einem Arbeitsvertrag oder Geschäftsplan dann dokumentiert werden. Das Ergebnis dieser Verhandlung ist dann natürlich verbindlich, und beide Seiten tragen die Verantwortung, sich daran zu halten.
Michael Grinder geht in seinem Konzept zur „Permission" (Erlaubnis) davon aus, dass in einer Interaktion das Einverständnis von Partnern daran kalibriert werden kann, dass sie im Rapport bleiben und ruhig weiteratmen. Erkennbare Veränderungen der Reaktionsmuster wie stutzen oder gar erstarren (in drastischen Fällen „bleibt die Luft weg", d.h., sie halten kurz den Atem an) sind ein Hinweis darauf, dass die wahrgenommene Aktion nicht „erlaubt" ist. Das ist für den Betreffenden ein wichtiger Hinweis, den Rapport neu aufzubauen, die Situation zu bereinigen und die Erlaubnis zu kalibrieren oder zu vereinbaren.
Ein praktisches Beispiel ist die Frage, wann man einen Sprechenden im Dialog unterbrechen darf. Nach den „Regeln" darf man das „eigentlich" nicht. Aber was ist, wenn der andere ohne Einladung einen längeren Monolog vom Stapel lässt und sich dabei zum vierten Mal wiederholt? Ob ich hier „unterbrechen" oder „mitspielen" will, kann ich nur selbst entscheiden. Die Frage: „Darf ich hier mal unterbrechen?" ist dabei sinnlos, denn die Frage allein kann (und wird oft) schon als Unterbrechung wirken. Nach dieser Überlegung empfehle ich eine andere Regel: Ich darf jemand dann unterbrechen1), wenn er mir hinterher dafür dankbar ist, z.B. weil ich ihn damit unterstützt habe, sich nicht zu blamieren.
Andere Gesetze sind weniger diskutierbar, nämlich die Naturgesetze. Wer durch den Regen läuft, benutzt einen Schirm oder wird nass, der Regen macht da wenig Zugeständnisse. Das Feedback der Natur ist meist sehr unmittelbar, unabhängig von unseren Meinungen. Ein Kollege beschrieb das einmal drastisch, aber treffend mit dem Beispiel: „Wer aus dem 17. Stock springt und meint, das sei harmlos, kann 16 Stockwerke lang recht behalten." Auch hier sind wir selbst aufgerufen, die Chancen und Risiken sinnvoll einzuschätzen. Schließlich gibt es den Wetterbericht, und aus dem Fenster kann man erst einmal einen prüfenden Blick werfen.
Ein letzter Punkt hat weniger mit Regeln und Gesetzen zu tun, trägt aber auch viel zum stimmigen Umgang mit der Umwelt bei, und inwieweit wir daraus Ressourcen gewinnen. Für Ressourcen, die wir oft brauchen, ist es natürlich hilfreich, wenn wir möglichst ständig Zugang dazu haben. Das HABEN können wir dabei wörtlich nehmen: Wenn ich ein Haus habe, ist mit meine Wohnung sicher. Wenn ich ein Auto habe, kann ich mich damit bewegen, wann immer ich es will oder brauche. Dabei ist „mehr" nicht immer gleich „gut"; das HABEN hat durchaus zwei Seiten: Wenn wir zuviel HABEN, wird es eher zur Belastung. Ein sehr großes Haus braucht viel mehr Pflege, viele Häuser verlangen eine funktionierende Hausverwaltung, und auch noch so viele Autos kann niemand gleichzeitig fahren, sondern immer nur eines.
Ein wesentlicher Aspekt des HABENs erschließt sich aus dem Wort Goethes: „Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen." In neuerem Deutsch ist etwas Ähnliches formuliert: Eigentum verpflichtet. HABEN - ob es nun um Gegenstände, Besitz, Talente, Fähigkeiten oder Überzeugungen geht - ist dann eine Ressource, wenn wir es wertschätzen können, und wenn wir es sinnvoll und nutzbringend einsetzen, nicht nur für uns, sondern auch für andere. Das gilt nicht nur für viele Einzelheiten, sondern für unsere gesamte Umwelt, gerade auch unsere Erde. Wenn wir sie wertschätzen, dürfen wir Sie ökologisch nutzen. Und wir sollten sie auch wertschätzend und ökologisch behandeln, denn schließlich „haben" wir nur diese eine.
Hier schließt sich der Kreis: Eine gesunde Persönlichkeit handelt natürlich unter Berücksichtigung der Situation - doch sie tut es in eigener Verantwortung, ohne dabei die Verantwortung äußeren Faktoren, der Situation, den anderen zuschieben zu wollen. Sie übernimmt selbst die Verantwortung, wie sie verhandelt und handelt.
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Zusammenfassung |
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Hier wird noch einmal deutlich, wie wir uns die Ressourcen auf den verschiedenen Ebenen zugänglich machen können. |
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DÜRFEN |
Soziale Umwelt |
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und durch ökologische Nutzung |
Dingliche Umwelt |
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TUN |
Verhalten |
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KÖNNEN |
Fähigkeiten |
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WOLLEN |
Werte |
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PERSÖNLICHKEIT SEIN |
Identität |
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1) Besser wäre es, Redebeiträge - gleich ob von mir oder von anderen - nicht als „Unterbrechung" anzusehen, sondern einfach als „Beiträge", und sie auch so zu nennen. Dieses Reframing kann sehr hilfreich wirken. In unserem Beispiel wäre also die wichtigste Frage, wie ich mich in das Gespräch einbringe. Im Zusammenhang mit unserem Hauptthema gehen wir hier nicht ausführlicher darauf ein.
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