Ein Coachinggespräch beginnt manchmal ganz klassisch: zwei Stühle, ein Tisch, vielleicht ein Flipchart.
Doch manchmal startet es auch anders: Zwei Menschen gehen nebeneinander einen Weg entlang. Die Schritte finden ihren Rhythmus.
Viele Coaches berichten, dass sich Gespräche draußen oft anders entwickeln als im Coachingraum. Themen kommen schneller auf den Punkt, Emotionen werden zugänglicher und anders verarbeitet, Perspektiven verändern sich. Was zunächst wie eine kleine Veränderung des Settings wirkt – der Wechsel vom Raum nach draußen – entfaltet tatsächlich eine Reihe von psychologischen Wirkmechanismen. Natur und Bewegung können im Coaching mehr sein als eine schöne Kulisse. Sie können selbst zu aktiven Co-Coaches im Prozess werden.
Natur als Raum für Aufmerksamkeit und Regeneration
Wenn Menschen sich in einer natürlichen Umgebung bewegen, verändert sich ihre Aufmerksamkeit. Die Umwelt bietet Reize, die interessant sind, ohne zu überfordern: Licht, das durch Blätter fällt, das Rauschen eines Baches oder wechselnde Landschaften.
Die Umweltpsychologen Rachel und Stephen Kaplan beschrieben diesen Effekt mit dem Begriff der soft fascination. Natürliche Umgebungen binden Aufmerksamkeit auf sanfte Weise und ermöglichen gleichzeitig eine Erholung der mentalen Ressourcen. Diese Idee ist Teil der sogenannten Attention Restoration Theory (Kaplan & Kaplan, 1989; Kaplan, 1995). Wenn gerichtete Aufmerksamkeit im Alltag stark beansprucht wird, kann Naturkontakt helfen, diese Ressourcen wiederherzustellen.
Bewegung öffnet neue Zugänge
Ein weiterer Wirkmechanismus entsteht durch Bewegung. Schon ein einfaches Gespräch im Gehen verändert die Dynamik eines Coachingprozesses. Der Körper wird aktiv, der Atemrhythmus verändert sich, und die Wahrnehmung richtet sich stärker auf das Hier und Jetzt.
Forschungsergebnisse zeigen, dass körperliche Aktivität einen messbaren Einfluss auf Wohlbefinden und depressive Symptome hat. Eine große Meta-Analyse von Schuch und Kolleginnen und Kollegen (2016) kommt zu dem Ergebnis, dass Bewegung signifikant zur Verbesserung psychischer Gesundheit beitragen kann.
Im Coachingkontext entsteht dadurch ein zusätzlicher Zugang zu inneren Prozessen. Emotionen werden nicht nur besprochen, sondern oft auch körperlich wahrnehmbar. Die Geschwindigkeit des Gehens, das Gefühl von Anstrengung oder das Erreichen eines Ziels können Teil des Reflexionsprozesses werden.
Flow und kreative Denkprozesse
Besonders interessant wird Bewegung im Zusammenhang mit dem Flow-Konzept von Mihály Csikszentmihalyi. Flow beschreibt einen Zustand vertiefter Konzentration, in dem Menschen vollständig in einer Tätigkeit aufgehen und Zeit sowie Umgebung in den Hintergrund treten (Csikszentmihalyi, 1990).
Rhythmische Aktivitäten wie Spazierengehen begünstigen diesen Zustand besonders. Der Körper bewegt sich gleichmäßig, die Umgebung liefert kontinuierliches Feedback, und der Geist beginnt freier zu denken. Csikszentmihalyi (2018) beschreibt, dass solche Zustände häufig mit erhöhter Kreativität, klareren Gedanken und stärkerer intrinsischer Motivation verbunden sind.
Im Coaching kann Bewegung daher dazu beitragen, festgefahrene Denkstrukturen zu lockern und neue Perspektiven zu eröffnen.
Denken geschieht auch im Körper
Diese Effekte lassen sich auch über Embodiment-Theorien erklären. Embodiment beschreibt die Idee, dass Denken nicht ausschließlich im Kopf stattfindet, sondern immer auch im Körper verankert ist.
Der Psychologe Lawrence Barsalou (2008) zeigt in seiner Forschung, dass kognitive Prozesse eng mit sensomotorischen Erfahrungen verbunden sind. Wenn wir unseren Standort verändern, eine neue Blickrichtung einnehmen oder uns physisch bewegen, verändert sich häufig auch unsere Wahrnehmung einer Situation.
Coaching im Gehen nutzt genau diese Verbindung. Perspektivwechsel werden nicht nur besprochen, sondern körperlich erlebt.
Die Natur als Co-Coach
Eine besonders spannende Perspektive entsteht, wenn Natur nicht nur als Umgebung betrachtet wird, sondern als aktiver Teil des Coachingprozesses. Manche Coaches sprechen hier davon, dass die Natur eine Art Co-Coach wird.
Der Gedanke dahinter ist einfach: Die Umwelt liefert Bilder, die inneren Prozessen ähneln. Ein steiler Weg kann für eine Herausforderung stehen, ein Fluss für Veränderung oder ein stabiler Baum für innere Stärke.
Solche Bilder könne in der Coachingpraxis über Metaphernarbeit genutzt werden. Metaphern helfen Menschen, komplexe Erfahrungen verständlich zu machen und neue Bedeutungen zu entwickeln. Studien zeigen, dass metaphorische Sprache im Coaching Reflexionsprozesse vertiefen und Perspektivwechsel fördern kann (Grant & O’Connor, 2018).
Gerade in der Verbindung mit Positiver Psychologie entstehen hier interessante Möglichkeiten. Wenn Klientinnen und Klienten eingeladen werden, ihre eigenen Stärken als Naturbilder zu beschreiben, entstehen häufig sehr kraftvolle Metaphern. Mut kann sich wie ein Berggrat im Sturm anfühlen, Gelassenheit wie ein ruhiger See oder Kreativität wie ein Wald, der immer weiter wächst.
Solche Bilder helfen dabei, Stärken nicht nur rational zu verstehen, sondern emotional zu erleben. Forschungen zur Arbeit mit Charakterstärken zeigen, dass das bewusste Wahrnehmen und Nutzen eigener Stärken das Wohlbefinden deutlich erhöhen kann (Passmore et al. 2025 ).
Kleine Abenteuer als Entwicklungsimpuls
Neben Metaphern lassen sich auch andere Konzepte aus Outdoor- und Erlebnisansätzen in Coachingprozesse integrieren. Ein Beispiel dafür ist die Idee der Mikroabenteuer.
Der britische Abenteurer Alastair Humphreys prägte diesen Begriff für kleine Abenteuer im unmittelbaren Lebensumfeld. Es geht dabei nicht um große Expeditionen, sondern um einfache Erfahrungen außerhalb der gewohnten Routine, etwa eine Nacht unter freiem Himmel, eine Wanderung bei Sonnenaufgang oder einen ungewöhnlichen Weg zur Arbeit.
Solche Erfahrungen können starke psychologische Effekte haben. Besonders relevant ist hier das Konzept der Selbstwirksamkeit. Albert Bandura beschreibt Selbstwirksamkeit als die Überzeugung, schwierige Situationen aus eigener Kraft bewältigen zu können (Bandura, 1997).
Erfolgreich gemeisterte Herausforderungen stärken diese Überzeugung. Studien aus der Abenteuerpädagogik zeigen, dass Outdoor-Erfahrungen tatsächlich positive Effekte auf Selbstwirksamkeit und persönliche Entwicklung haben können (Ewert & Yoshino, 2011). Mikroabenteuer können im Coaching deshalb als kleine Experimente dienen, die neue Erfahrungen ermöglichen, ohne große Risiken einzugehen.
Fazit
Wenn Coaching den Raum verlässt und nach draußen geht, verändert sich mehr als nur die Umgebung. Natur, Bewegung und Positive Psychologie wirken zusammen und schaffen einen erweiterten Erfahrungsraum.
Aufmerksamkeit kann sich regenerieren, Stress kann sich reduzieren, Bewegung kann Emotionen zugänglich machen, Flow kann kreative Prozesse unterstützen, körperliche Erfahrungen können neue Perspektiven ermöglichen und die Natur selbst kann Bilder liefern, die innere Prozesse sichtbar machen.
Manchmal entsteht eine neue Erkenntnis nicht im Sitzen, sondern auf einem Weg.
Das Seminar Naturcoaching am INNTAL
Literatur zum Weiterlesen
Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. New York: Freeman.
Barsalou, L. W. (2008). Grounded cognition. Annual Review of Psychology, 59, 617–645. https://doi.org/10.1146/annurev.psych.59.103006.093639
Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The psychology of optimal experience. New York: Harper & Row.
Csikszentmihalyi, M. (2018). Laufen und Flow. Dordrecht: Springer.
Ewert, A., & Yoshino, A. (2011). The influence of short-term adventure-based experiences on levels of resilience. Journal of Experiential Education, 34(2), 140–157. https://doi.org/10.1177/105382591103400205
Grant, A. M., & O’Connor, S. (2018). Broadening and building solution-focused coaching: Feeling good is not enough. Coaching: An International Journal of Theory, Research and Practice, 11(2), 165–185.
Humphreys, A. (2014). Microadventures: Local discoveries for great escapes. London: HarperCollins.
Kaplan, R., & Kaplan, S. (1989). The experience of nature: A psychological perspective. Cambridge: Cambridge University Press.
Kaplan, S. (1995). The restorative benefits of nature: Toward an integrative framework. Journal of Environmental Psychology, 15(3), 169–182. https://doi.org/10.1016/0272-4944(95)90001-2
Passmore, H.-A., Lumber, R., Niemiec, R., & Sofen, L. I. (2025). Creating Kinship with Nature and Boosting Well-Being: Testing Two Novel Character Strengths-Based Nature Connectedness Interventions. Journal of Happiness Studies, 26(71). https://doi.org/10.1007/s10902-025-00900-9
Peterson, C., & Seligman, M. E. P. (2004). Character strengths and virtues: A handbook and classification. New York: Oxford University Press.
Schuch, F. B., et al. (2016). Exercise as a treatment for depression: A meta-analysis. Journal of Psychiatric Research, 77, 42–51. https://doi.org/10.1016/j.jpsychires.2016.02.023
Ulrich, R. S. (1984). View through a window may influence recovery from surgery. Science, 224(4647), 420–421. https://doi.org/10.1126/science.6143402
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