Aufblühen beginnt im Kleinen – Flourishing hat nichts mit Perfektion zu tun
Viele Menschen haben ein gutes Leben – und fühlen sich trotzdem erschöpft, leer oder einfach „funktionierend“. Corey Keyes nennt diesen Zustand languishing. Ich finde seine Beschreibung sehr treffend: „Ich komme durch das Leben, aber ohne mich lebendig zu fühlen.“
Das Gegenteil davon ist flourishing: ein Zustand, in dem wir uns lebendig, verbunden, neugierig und innerlich wach erleben. Und das Ermutigende daran ist: Wir müssen dafür nicht unser ganzes Leben umkrempeln.
Die fünf „Vitamine“ des Flourishing
Keyes beschreibt fünf Faktoren, die uns langfristig stärken – kleine tägliche Impulse, die wie psychische Nährstoffe wirken. Und sie wirken schon in Mikrodosierung!
- Lernen – auch wenn es nur fünf Minuten sind
- Helfen – im Kleinen: jemandem an der Kasse den Vortritt lassen
- Verbundenheit – ein Lächeln, ein kurzes Gespräch
- Sinn – die abendliche Frage: „Wofür hat sich der Tag heute gelohnt? Was habe ich bewirkt?“
- Spielen – hüpfen, rennen, tanzen, ein Wordle lösen, albern sein
Diese Ideen wirken vielleicht banal, sind es aber nicht. Unser Gehirn liebt Wiederholungen, und wenn wir kleine Schritte machen, können wir das leicht und häufig tun. Nicht die eine große Aufblüh-Aktivität wirkt, sondern die vielen kleinen.
In der Psychologie heute erscheint im Juniheft ein Interview mit mir zum Thema Flourishing – und zwar in einer Ausgabe, deren Titelthema mir besonders am Herzen liegt: das Psychisch reiche Leben (Oishi & Westgate).
Das Psychisch reiche Leben gehört zu den spannendsten neuen Entwicklungen der Positiven Psychologie und ist für mich eine der wichtigsten Meilensteine in der Wohlbefindensforschung der letzten 15 Jahre.
Es erweitert unseren Blick: weg vom reinen „Glücklichsein“, hin zu einem Leben, das Tiefe, Bedeutung, Verbundenheit und Lebendigkeit zulässt.
Warum kleine Schritte so viel leichter funktionieren
Wir scheitern nicht an unseren Vorsätzen und Plänen, weil wir zu wenig Disziplin haben. Wir scheitern oft, weil wir uns zu viel vornehmen. Eine bessere Strategie:
„Die Latte so niedrig legen, dass es leichter ist, drüberzusteigen als drunter durchzukrabbeln.“
Das bedeutet:
- lieber 8 Minuten Achtsamkeit statt 10
- lieber 1 Mini-Lerneinheit statt eines großen Projekts
- lieber 1 zusätzliches Lächeln statt eines perfekten Plans für das eigene soziale Umfeld
Und: Neue Gewohnheiten brauchen Rituale. Wenn wir sie an bestehende Routinen knüpfen – als Mikro-Fitnessritual zum Beispiel beim Zähneputzen auf einem Bein stehen – fällt es uns leichter, der neue Gewohnheit in unserem Leben Wurzeln zu geben.
Warum Aufblühen in manchen Gesellschaften leichter geht
Interessant ist auch der internationale Vergleich: Länder wie Indonesien, Mexiko oder Israel zeigen höhere Flourishing-Werte als viele Wohlstandsländer. Ein Grund dafür kann ihre Mentalität sein: mehr Gemeinschaft, mehr Miteinander, mehr Spielerisches im Alltag.
Flourishing ist also nicht nur individuell – es ist auch kulturell geprägt. Und wir können Flourishing nicht rein individualistisch betrachten; wir brauchen für ein umfassendes Verstöndnis davon immer auch die gesellschaftliche Perspektive dazu!
Mein persönliches Fazit
Aufblühen ist kein Zustand, den man „erreicht“. Es ist ein Prozess, der mit winzigen Schritten beginnt.
Deshalb stelle ich dir zum Schluss jetzt eine Frage, die Daniela Blickhan am Ende stellt, gefällt mir besonders:
„Welche kleine Aktivität würde mir jetzt – genau jetzt – eine winzige positive Veränderung ermöglichen?“
Vielleicht ist es…
…ein tiefer Atemzug?
…ein Lächeln? Für einen anderen Menschen oder für dich selbst
…ein spielerischer Moment? Mit einem anderen Menschen, jung oder alt, oder mit einem Tier
…ein Blick in den Himmel, zu einem blühenden Baum, zu einem Wasser?
„Pflanzen wachsen nicht schneller, wenn man daran zieht.“
Wir Menschen auch nicht. Aufblühen beginnt mit einem kleinen Schritt – jetzt im Moment, heute.
Aufblühen lernen – Ausbildung in Positiver Psychologie
Meine Doktorarbeit trägt den Titel Anleitung zum Glücklichsein – darin habe ich erforscht, wie sich Menschen verändern, wenn Sie eine Ausbildung in Positiver Psychologie machen. Sie blühen auf! Und lernen dabei enorm viel über die Wissenschaft des gelingenden Lebens.
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