Manchmal sind es die leisen Momente, die im Coaching die größte Wirkung entfalten. Heute möchte ich einen Einblick in eine Sitzung geben, die mich selbst berührt hat – nicht wegen spektakulärer Wendungen, sondern wegen der feinen inneren Bewegungen, die ein Mensch zulässt, wenn er beginnt, sich selbst neu zu begegnen.
„Ich muss mich an mich selbst erst gewöhnen.“
Mit diesem Satz kam mein Klient – eine erfahrene Führungskraft Ende 50 – in die Sitzung. Seit gut einem Jahr begleite ich ihn. Er ist pflichtbewusst, zuverlässig, sozial einfühlsam und kreativ. Und er ist Musiker. Er komponiert, spielt Gitarre und nimmt eigene Stücke auf.
Sein Anliegen:
„Wie kann ich meine Führungsrolle so ausfüllen, dass ich fachlich sichtbar bleibe ohne mich zu überfordern, und gleichzeitig menschlich bei mir bleiben kann?“
Sein Kopf, sagte er, weiß längst, wie gut sein „neues Ich“ zu ihm passt.
Sein Bauch hingegen hält noch an den alten, gut gelernten Mustern fest: Pflichtgefühl, Perfektion, ständige Erreichbarkeit.
Und doch spürt er inzwischen etwas neues: „Ich muss mich nicht mehr dauernd beweisen.“
Ein innerer Dialog zwischen Alt und Neu
Besonders eindrücklich war die Beschreibung seines inneren Dialogs. Er sprach nämlich von sich als einem „wir“:
Da gibt es zwei Anteile in ihm
- die alte Seite: der Pflichtbewusste, der immer 100 % gibt.
- die erwachsene Seite: die sagt: „Mach dich mal locker. Deine Leistung ist gut genug.“
Seine innere Klarheit über diese beiden eigenen Anteile war ein wichtiger Schritt auf seinem Weg. Sie zeigt ihm, wie bewusst er inzwischen wahrnimmt, was in ihm wirkt, und wie er sich selbst führen kann – nicht nur seine Mitarbeitenden.
Mailfreie Wochenenden und ein kreatives Ritual
Sein großer Durchbruch der letzten Monate waren mailfreie Wochenenden.
Früher hatte er, weil der letzte Vorstand stetige Erreichbarkeit erwartete, sein Diensthandy regelmäßig auch samstags und sonntags gecheckt. Damals wurde es von seinem Vorgesetzten gefordert – wie sinnvoll bzw. zulässig das ist, steht auf einem anderen Blatt – doch inzwischen war für ihn daraus eine eigene Angewohnheit geworden, die ihn inzwischen belastet. „Der neue Vorstand schreibt mir eigentlich nie, und dennoch schaue ich dauernd am Wochenende auf mein Handy.“
Wir hatten in der letzten Sitzung vor zwei Monaten mailfreie Wochenenden vereinbart:
Er kann auch am Wochenende prüfen, ob eine Nachricht da ist. Öffnen würde er sie aber nur, wenn sie klar als „dringener Notfall“ gekennzeichnet ist, ansonsten lässt er sie ungelesen.
Zehn Wochen später berichtet er stolz: „Es funktioniert. Und der Schlüssel dazu ist überraschend einfach – und wunderschön.“ Was genau war sein Schlüssel?
Freitagabend: Musik statt Mails
Jeden Freitag setzt er sich gegen 20 Uhr in sein kleines Studio zuhause, nimmt seine Gitarre in die Hand und spielt. Manchmal fließt ein Stück mühelos aus ihm heraus, manchmal arbeitet er bis spät in die Nacht daran.
Dieses Ritual schafft für ihn:
- einen klaren Übergang von der Arbeitswoche ins Wochenende
- ein Ventil für Kreativität
- ein Gefühl von Stolz und Selbstwirksamkeit
- einen Raum, in dem sein Musiker‑Ich Platz hat
Und am Samstagmorgen wacht er nicht mit Gedanken an Mails auf – sondern mit Gedanken an sein Musikstück. Ein völlig anderer Start in den Tag.
Was das mit Führung zu tun hat
…mehr, als man auf den ersten Blick denkt, denn in diesem Ritual zeigt sich eine Balance seiner inneren Anteile:
- der Kreative, der Freude und Ausdruck sucht
- der Pflichtbewusste, der sagt: „Jetzt ist aber Schlafenszeit.“
- der Vernünftige, der das große Ganze im Blick behält
Gute innere Teamarbeit, das Zusammenspiel der eigenen Anteile, das ist genau, was gute Führung ausmacht. Wer sich selbst so führen kann, führt auch andere klarer, menschlicher und gelassener.
Fazit: Manchmal hilft Gitarre spielen, eine Führungsrolle neu zu leben
Mein Klient hat gelernt, dass er nicht zwischen „Mensch“ und „Führungskraft“ wählen muss. Beides darf da sein. Beides gehört zu ihm. Und beides stärkt sich gegenseitig.
Seine Worte zum Abschluss der Sitzung:
„Ich glaube, ich muss mich einfach noch ein wenig an mich selbst gewöhnen.“
Ein Satz, der zeigt, wie viel Entwicklung möglich wird, wenn Menschen beginnen, sich selbst mit Neugier und Wohlwollen zu begegnen.
Coaching-Einblicke
Hier teile ich Erfahrungen aus meiner Coaching-Praxis, um Coaches zu unterstützen, neue Perspektiven zu entwickeln.
Lebenslanges Lernen gilt für unsere Profession ganz besonders – und oft hilft ein kurzer Gedanke, der die eigene Perspektive erweitert, als Coach die eigene Praxis neu zu beleuchten und wieder neue Wege auszuprobieren.
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