Wo liest du die Uhrzeit ab?

Zeitgefühl, Aufmerksamkeit und Selbstregulation

Vor kurzem fand ich in meinem Newsfeed einen Artikel mit der Frage: wo liest du die Uhrzeit lieber ab, auf deiner Armbanduhr oder auf deinem Telefon?

Diese scheinbar banale Frage hat Auswirkungen unser Erleben von Zeit, von Tagen, Wochen, Lebenszeit, denn beide Geräte geben uns dieselbe Information, doch die Wirkung ist sehr unterschiedlich.

Nur ein kurzer Blick – oder?

Die (klassische) Armbanduhr zeigt nichts anderes an als die Zeit. Ein kurzer Blick aufs Handgelenk, und schon sind wir zurück bei dem, was wir zuvor gerade getan hatten. Der Blick auf die Uhr ist eine kurze Schleife, die sich sofort wieder schließt.

Beim Smartphone ist das anders. Dort liegt die Information über die Uhrzeit inmitten von Benachrichtigungen, Feeds, Mails. Unser kurzer Blick auf die Uhr dauert dann oft mehrere Minuten, und wir wissen am Ende kaum, wohin wir eigentlich abgebogen sind.

Der Unterschied liegt also nicht im Gerät. Er liegt in dem, was dabei mit unserer Aufmerksamkeit passiert.

Ein „Tor“ in unserem Kopf

Die Psychologie nutzt für die Erklärung der unterschiedlichen Zeitwahrnehmung das Attentional-Gate-Modell (Zakay & Block, erstmals 1995 beschrieben).

Das Modell basiert auf der sogenannten inneren Uhr, einem Taktgeber, der beständig Impulse aussendet, und einen Speicher, der diese Impulse sammelt. Je mehr Impulse zusammenkommen, desto länger erscheint uns eine bestimmte Portion Zeit.

Zakay und Block ergänzten dieses Bild um einen entscheidenden Baustein: ein Tor zwischen Taktgeber und Speicher.

Wie weit dieses Tor geöffnet ist, hängt davon ab, wie viel Aufmerksamkeit wir gerade der Zeit selbst widmen:

  • Sind wir aufmerksam für die Zeit, steht das Tor weit offen. Viele Impulse kommen an, die Zeit fühlt sich für uns  an. Jeder kennt das, zum Beispiel aus einem Wartezimmer.
  • Wandert unsere Aufmerksamkeit dagegen zu etwas Bestimmtem, schließt sich das Tor ein Stückchen mehr. Und so werden weniger Impulse pro Zeiteinheit gesammelt.

Der Grund für diese Ergänzung war übrigens ein sehr praktischer: Ältere Modelle kannten nur einen Schalter, der auf oder zu war. Damit ließen sich die feinen Abstufungen unseres Zeiterlebens nicht erklären. Ein Tor kann eben auch halb offen stehen – so wie unsere Aufmerksamkeit selten ganz bei einer Sache und selten ganz woanders ist.

Was weiß die Forschung und was nicht?

Eine gesicherte Erkenntnis: Sobald unsere Aufmerksamkeit während einer Zeitspanne umgeleitet wird, gerät unser Zeitgefühl durcheinander. Eine Metaanalyse von Block, Hancock und Zakay hat das für kognitive Belastung breit belegt (Quelle am Ende des Artikels).

Weniger eindeutig ist die Richtung der Veränderung unserer Zeitwahrnehmung. Manche Studien zeigen, dass Menschen hinterher unterschätzen, wie lange sie unterwegs waren. Andere Untersuchungen, etwa zu Jugendlichen und ihrer Bildschirmzeit, finden das Gegenteil, nämlich eine deutliche Überschätzung der eigenen Nutzungsdauer. Die Veränderung hängt von der Aufgabe ab, von der Dauer der Ablenkung, vom Medium und von der Person.

Für mich ist das kein Widerspruch, sondern der eigentlich interessante Punkt. Wir verlieren durch die Ablenkung nicht einfach Minuten. Wir verlieren die Verlässlichkeit unseres eigenen Zeitgefühls. In welche Richtung es sich verändert, kann uns niemand sagen. Wir können es nur selbst herausfinden.

„Ich weiß gar nicht, wo der Tag geblieben ist.“

Diesen Satz höre ich im Coaching regelmäßig, und meist klingt darin eine leise Enttäuschung mit. Nicht, weil zu wenig Zeit da gewesen wäre, sondern weil sie sich nicht anfühlt wie etwas, das man gehabt hat, und weil man sie nicht wirklich genossen hat.

Interessanterweise geht es dabei selten um die großen Zeitfresser. Spannender sind die unzähligen kleinen Umleitungen im Tagesverlauf: Der Blick aufs Handy, der zum Scrollen wird, oder die Mail, die wir zwischendurch mal eben lesen. Ein Wechsel, der nur ein paar Sekunden dauert,  dessen Nachwirkung aber viel länger anhält.

Aufmerksamkeit ist eine Ressource

Aus der Perspektive der Positiven Psychologie finde ich daran das Ermutigende: Es geht hier nicht um Disziplin. Es geht nicht um Verzicht. Und es geht schon gar nicht darum, das Smartphone zum Übel zu erklären.

Es geht um Aufmerksamkeit als unsere wichtigste Ressource. Und um unseren guten Umgang damit.

Zwei Charakterstärken helfen den meisten von uns dabei:

Selbstregulation

Ich entscheide bewusst, wohin mein Blick geht. Eine klassische Uhr am Handgelenk, keine die ständig meine Aufmerksamkeit mit Benachrichtigungen abzieht. Ein Wecker statt den Telefon neben dem Bett. Benachrichtigungen, die stumm bleiben, wenn ich arbeite. Das sind kleine Weichenstellungen, die viele Aufmerksamkeits-Umleitungen von vornherein ersparen, und deutlich weniger Kraft kosten als das ständige Sich-Zusammenreißen und Disziplinieren.

Neugier

Nicht ärgern, sondern beobachten. Wie lange, schätze ich, war ich gerade am Handy? Und was sagt die Bildschirmzeit? Die Lücke zwischen beiden Zahlen ist der interessante Teil. Sie erzählt dir etwas über dein persönliches Zeitgefühl, das keine Studie dir sagen kann.

Geh bewusst mit deiner Aufmerksamkeit um

Ich glaube nicht, dass wir unser Leben entschleunigen müssen, um es intensiver zu erleben. Aber ich glaube, dass unsere Aufmerksamkeit darüber entscheidet, wie viel von unserer Zeit tatsächlich bei uns ankommt.

Wer seine Zeit bewusster wahrnimmt, erlebt sie meist auch als reicher. Wir haben dann nicht plötzlich mehr Stunden, doch vielleicht haben wir mehr Zeitphasen die sich nach „mehr“ oder „tiefer“ anfühlen.

Vielleicht magst du es ja einmal ausprobieren und einen Tag lang die Uhrzeit nur dort ablesen, wo nichts anderes auf dich wartet? Und am Abend nachspüren, ob sich der Tag anders anfühlt?

Statt Zeit managen die eigene Energie steuern?

Wenn dich dieses Thema anspricht, dann schau dir unseren Workshop „Energiemanagement statt Zeitmanagement“ an. Dort geht es genau um die Fragen, die dieser Artikel aufwirft: Wie fokussieren wir unsere Aufmerksamkeit gezielt und nachhaltig? Wie gehen wir gut mit Unterbrechungen um? Und wie können wir – statt nur der Zeit – uns selbst und unsere Energie sinnvoll „managen“? An zwei Abenden, auf Grundlage der Positiven Psychologie.

Achtsamkeit als Schlüssel zur Aufmerksamkeit

Wenn du den Weg über die Achtsamkeit gehen möchtest, ist der Workshop „Achtsam und stark durchs Leben“ mit Almut Sohn eine schöne Ergänzung:

Achtsamkeit und Charakterstärken verbinden sich dort zu einer Praxis, die sich gut in den Alltag einfügt.

Fang gleich an – hier sind ein paar kurze von mir angeleitete Achtsamkeitsübungen

Und wenn du gleich heute etwas ausprobieren magst: In unserem Artikel Achtsamkeit und Positive Psychologie findest du kurze angeleitete Übungen – zum Atem, zum Körper, zu Stärken und Dankbarkeit.

 

Quellen und weiterführende Literatur

Das Attentional-Gate-Modell
Zakay, D., & Block, R. A. (1995). An attentional-gate model of prospective time estimation. In M. Richelle, V. De Keyser, G. d’Ydewalle & A. Vandierendonck (Hrsg.), Time and the dynamic control of behavior (S. 167–178). Liège: Université de Liège.

Überblick zur Zeitwahrnehmung
Matthews, W. J., & Meck, W. H. (2016). Temporal cognition: Connecting subjective time to perception, attention, and memory. Psychological Bulletin, 142(8), 865–907. https://doi.org/10.1037/bul0000045

Allman, M. J., Teki, S., Griffiths, T. D., & Meck, W. H. (2014). Properties of the internal clock: First- and second-order principles of subjective time. Annual Review of Psychology, 65, 743–771.

Empirische Belege zur kognitiven Belastung
Block, R. A., Hancock, P. A., & Zakay, D. (2010). How cognitive load affects duration judgments: A meta-analytic review. Acta Psychologica, 134(3), 330–343.

Zeitverzerrung bei digitaler Mediennutzung
Yang, Y., Liu, R.-D., Ding, Y., Lin, J., Ding, Z., & Yang, X. (2024). Time distortion for short-form video users. Computers in Human Behavior, 151, 108009.

Verbeij, T. et al. (2021) sowie neuere Erhebungen zur Diskrepanz zwischen wahrgenommener und tatsächlicher Bildschirmzeit bei Jugendlichen – hier zeigt sich überwiegend eine Überschätzung der eigenen Nutzungsdauer.

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