„Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch.“
Ich mag diesen Satz von George Bernard Shaw, weil er so freundlich daran erinnert, wie schnell wir mit unserem Urteil über andere fertig sind. Haben wir uns einmal ein Bild von jemandem gemacht, bleiben wir gerne dabei, denn das kommt unserem Gehirn beim Ziel, Energie zu sparen., entgegen. (Und unser gehiorn ist im Verhältnis zu seiner Größe das energie-intensivste Organ unseres Körpers, hat also guten Grund Energie zu sparen.). Der Schneider von George Bernard Shaw macht es anders, und er zeigt damit eine Eigenschaft, die in der psychologischen Forschung zur Weisheit gehört.
Die Psychologieprofessorin und Weisheitsforscherin Judith Glück nennt Weisheit „Expertenwissen über die Dinge des Lebens“. Sie hat viele Menschen befragt, was weise Personen auszeichnet, und daraus fünf zentrale Aspekte abgeleitet. Und das Ermutigende daran ist: Für Weisheit braucht man nicht alt zu sein. Manche Menschen bringen mehr davon mit, von Natur aus oder durch ihre Lebenserfahrung, doch weiterentwickeln können wir uns darin alle. Dafür braucht es nicht unbedingt ein Coaching, schon kleine Situationen im Alltag sind ein gutes Trainingsfeld. Wie im Sport besteht Veränderung dabei aus vielen kleinen Schritten.
Offen sein für Neues
Unser Gehirn liebt Erklärungen. Hat es einmal eine passende Erklärung für eine Situation oder einen Menschen gefunden, bleibt es gerne dabei, denn das spart Energie. Offenheit bedeutet genau das Gegenteil, nämlich nach neuen und ungewohnten Erfahrungen und Erklärungen zu suchen. Statt zu denken „Die Frage kann ich mir sparen, ich weiß ja ohnehin, was kommt“, frage ich trotzdem und lasse mich überraschen.
Judith Glück empfiehlt dafür eine kleine Übung: Such dir einen Menschen aus, der dir „eigentlich eher fern“ steht oder den du vielleicht nicht besonders magst, und zeig einmal echtes Interesse an ihm, offen und neugierig wie eine Forscherin. „Jedes Mal, wenn Sie durch diese Vorgangsweise etwas Neues, Unerwartetes über jemanden herausfinden, machen Sie einen Schritt in die Richtung, generell weniger fixe Vorstellungen von Menschen zu haben.“ (Glück, S. 66)
Gut mit den eigenen Gefühlen umgehen
Denk einmal an die letzten zwei Stunden zurück und schreib alle Gefühle auf, die du in dieser Zeit hattest. (Und lies erst dann weiter …)
In einem Führungskräfteseminar lag die Zahl der notierten Gefühle bei dieser Übung zwischen zwei und zehn. Die meisten hatten fünf bis acht aufgeschrieben, eine Person nur zwei, nämlich „gut und schlecht“. Dass andere fünfmal so viele Gefühle wahrgenommen hatten, überraschte sie sehr. Grob zu sortieren ist völlig legitim und spart zunächst Energie, weiser macht es uns allerdings nicht. Weise Menschen nehmen die Vielfalt ihrer Gefühle feiner wahr und haben mehr Worte dafür.
Viele befürchten, dass ein Gefühl sie überflutet, wenn sie es so genau anschauen. Das Gegenteil ist der Fall, wenn ich mir eine Haltung zu eigen mache: Ich habe meine Gefühle, ich bin nicht meine Gefühle. Was ich habe, kann ich betrachten, näher holen oder ein Stück weiter weg stellen. Damit sind wir schon bei der Emotionsregulation, und auch sie lässt sich lernen. „Weisheit entwickelt sich vor allem durch die gedankliche Auseinandersetzung mit Gefühlen – sei es während einer schwierigen Zeit oder später im Rückblick.“ (S. 104)
Wie diese Auseinandersetzung am besten gelingt, ist übrigens verschieden. Wer eher extravertiert ist, möchte in schwierigen Momenten mit jemandem reden. Wer eher introvertiert ist, braucht erst einmal Abstand, um sich zu sortieren, und dann helfen Stift und Papier oder die Diktierfunktion am Handy.

Sich in andere hineinversetzen
Wer die eigenen Gefühle feiner wahrnimmt, wird dadurch nicht egoistischer, sondern kann auch die Gefühle anderer sensibler wahrnehmen. Judith Glück beschreibt drei Ebenen des Einfühlungsvermögens am Beispiel eines schreienden Babys im Flugzeug. Auf der ersten Ebene steckt uns das Schreien an, wir fühlen uns selbst unwohl und wollen, dass es aufhört. Auf der zweiten Ebene geht es um mitfühlende Sorge: Die Eltern möchten, dass das Baby aufhört zu schreien, damit es ihm wieder gut geht. Und auf der dritten Ebene fragen wir, warum es schreit, um dann helfen zu können. Ist die Windel voll, drückt es auf den Ohren, hat es Hunger?
Weisheit verbinden wir oft eher mit einem guten Rat als mit Mitgefühl. Doch genau hier liegt die Verbindung, denn ein Rat ist nur dann gut, wenn er zur Person und ihrer Situation passt. Manchmal reicht schon ein Satz wie „Das sieht für mich so aus, als wärst du gerade ziemlich enttäuscht“, um eine Brücke zum anderen zu bauen.
Komplexe Zusammenhänge verstehen wollen
Judith Glück vergleicht weise Menschen mit einem erfahrenen Schachspieler, der eine Stellung „lesen“ kann, weil er schon sehr viele Partien gesehen hat. „Ähnliches gelingt einem weisen Menschen in komplexen Situationen des menschlichen Lebens.“ (S. 141) Gerade bei schwierigen Erfahrungen nimmt unser Gehirn allerdings gerne immer wieder dieselbe Abkürzung.
Aus Sicht eines Coaches helfen hier vier Schritte. Zuerst gebe ich der Situation eine Überschrift: Wie würde sie in der Süddeutschen Zeitung lauten, wie in der Bild-Zeitung? Der Psychiater Daniel Siegel nennt das name it to tame it, gib ihm einen Namen, dann wird es weniger schlimm. Danach beschreibe ich die Situation von außen, wie ein interessierter Beobachter, und frage mich, was hier eigentlich alles los ist. Im dritten Schritt nehme ich meine eigenen Gefühle wahr und lasse sie da sein. Und erst dann wechsle ich in die Position der anderen Beteiligten und frage mich, was sie wohl fühlen, denken und befürchten. Das hilft zum Beispiel bei einer Freundschaft, die unter sehr unterschiedlichen politischen Meinungen leidet.
„Weise Menschen durchdenken ihre Erlebnisse und ziehen Schlüsse aus ihnen, die sie zu besseren Menschen machen.“ (S. 147) Was für ein Satz! Und ich glaube, er stimmt, wenn wir mit Offenheit, Selbstfreundlichkeit und Interesse über eine belastende Erfahrung nachdenken.
Akzeptieren, dass unser Einfluss begrenzt ist
„Die Überwindung von Kontrollillusionen“ nennt Judith Glück diesen fünften Aspekt. Das klingt zunächst wenig ermutigend, doch wir brauchen weniger das Gefühl von Kontrolle als das Gefühl von Wirksamkeit. Ein Vorstellungsgespräch macht den Unterschied deutlich. Ob ich die Stelle bekomme, kann ich nicht bestimmen, denn dabei spielen die anderen Bewerber*innen ebenso eine Rolle wie die Chemie im Gespräch. Wirksam bin ich, wenn ich mein Bestes gebe, und jedes Gespräch, nach dem ich nicht genommen werde, ist eine Gelegenheit, besser zu verstehen, wie solche Gespräche funktionieren.
Auch die wirksamsten Menschen erleben Schicksalsschläge, werden krank oder verlieren geliebte Menschen. „Vieles spricht dafür, dass weise Menschen viel Erfahrung mit Unkontrollierbarkeit haben.“ (S. 163) Hier hilft eine Haltung, die ein sperriges Wort trägt: Selbsttranszendenz, also der Blick über die eigene Nasenspitze hinaus. Der augenzwinkernde Satz „Nimm dich ernst, aber nicht wichtig“ begleitet mich selbst schon sehr lange, seit meiner eigenen theraoeutischen Ausbildung in den 80er Jahren, und er bringt diese Haltung sehr gut auf den Punkt, finde ich. Hilfreich sind dann Fragen wie: Wie werde ich in zehn Jahren über diese Situation denken? Und wenn aus dieser Situation etwas Gutes entstehen könnte, was wäre das?
Wichtig ist dabei das Anerkennen, dass die Situation selbst nicht „gut“ ist. Eine schwere Diagnose oder der Verlust eines geliebten Menschen braucht nie gut zu sein. Was aber immer möglich bleibt: dass in der Auseinandersetzung damit etwas Gutes wachsen kann.
Was Weisheit wachsen lässt
Die fünf Aspekte hängen zusammen und verstärken sich gegenseitig. Lebenserfahrung allein macht allerdings noch nicht weise. „Weise wird nur, wer wirklich daran interessiert ist, auch schwierige und schmerzhafte Lektionen aus den eigenen Erfahrungen zu lernen.“ (S. 188/189)
Und dabei unterstützen uns andere Menschen. Wir lernen am Vorbild, von Mentor*innen ebenso wie von Freund*innen und Partner*innen, mit denen wir Erfahrungen teilen und gemeinsam verarbeiten. Judith Glück zitiert eine Studie, nach der weise Menschen häufiger ihre Dankbarkeit für ihre langjährigen Partner*innen äußern und für den gemeinsam gegangenen Weg.
Vielleicht magst du heute noch einen ersten Schritt machen: Frag einen Menschen nach etwas, das du ihn bisher noch nie gefragt hast. Oder erzähl jemandem etwas von dir, das du noch nie gezeigt hast, und lass dich überraschen, wohin dieser kleine Schritt führt.
Literatur
Judith Glück: Weisheit – Die 5 Prinzipien des gelingenden Lebens. Kösel 2016, ISBN 978-3-466-34646-2