Was hast du gestern Schönes erlebt? Und was war gestern anstrengend?
Welche der beiden Fragen kannst du schneller beantworten? Genau darum spreche ich mit Georgiy Michailov in der neuen Folge seiner SMP LeaderTalks. Wir haben die Folge Positive Psychologie ohne Glückszwang genannt, und dieser Titel trifft ziemlich genau das, was mir seit Jahren am Herzen liegt: Positive Psychologie ist nicht die Aufforderung (oder gar das Diktat), glücklich zu sein. Sie ist die Wissenschaft davon, was Leben und Arbeiten gelingen lässt. Und das ist ein wichtiger Unterschied!
Golfbälle: warum unser Gehirn das Unangenehme zuerst sieht
Im Gespräch habe ich für die Wahrnehmung und Verarbeitung von Emotionen eine Metapher gebraucht, die ich in Vorträgen und Seminaren seit Jahren sehr gern nutze, weil sie einen wichtigen Sachverhalt ganz ohne Fachbegriffe veranschaulicht.
Stell dir vor, du stehst auf dem Golfplatz oder Tennisplatz und ein Ball trifft dich. Das merkst du sofort, deutlich, und auch noch eine ganze Weile danach. Genau so wirken unangenehme Emotionen: Ärger, Sorge, Angst, Enttäuschung. Sie sind schnell, hart und hinterlassen einen blauen Fleck.
Unser Gehirn kommt mit dieser Werkseinstellung: Es erkennt negative Reize besonders gut und priorisiert sie. Die Forschung nennt das negativity bias. Und das ist keine Fehlkonstruktion in unserem Gehirn, sondern überlebenswichtig, und deshalb hat sich diese Werkseinstellung auch evolutionspsychologisch seit Zehntausenden von Jahren erhalten. Ärger zeigt mir an, dass jemand meine Grenze überschritten hat und ich mich wehren kann. Angst zeigt mir, dass etwas gefährlich sein könnte. Unangenehme Emotionen, also „Golfbälle“, sind nicht der Feind. Sie sind Information.
Das ist mir deshalb so wichtig, weil hier der erste Glückszwang lauert: die Vorstellung, man müsse das Unangenehme wegmachen. Muss man nicht. Wichtig ist, dass wir alle Emotionen wahrnehmen, auch die unangenehmen, denn „emotions are data“. (Mehr dazu habe ich übrigens in meinem Artikel Achtsamkeit, Stress und der Säbelzahntiger geschrieben)
Seifenblasen: warum das Schöne Schutz braucht
Und die positiven Emotionen? Sie sind wie Seifenblasen.
Ich habe einmal auf einer Plaza in Spanien eine Frau gesehen, die mit einem großen Ring riesige Seifenblasen erzeugte. Fast alle Passanten blieben stehen, kurz, manche lange, und sie lächelten. Genau so wirken positive Emotionen: Sie ziehen unsere Aufmerksamkeit auch an, nur eben sanfter.
Drei Dinge veranschaulicht die Metapher von den Seifenblasen:
Seifenblasen sind flüchtig
Wer zu fest nach ihnen greift, macht sie kaputt. Wenn wir sie dagegen sanft auf unsere Hand „landen“ lassen, dann bleibt die Seifenblase erhalten, etwa so wie sich ein Schmetterling auf unsere Hand setzt. Dasselbe gilt für positive Emotionen. Sie lassen sich nicht erzwingen oder festhalten, aber sie lassen sich einladen.
Seifenblasen können verschmelzen
Als Kind war das doch der schönste Moment: wenn zwei Seifenblasen aufeinandertreffen und eine große daraus wird. Auch das trifft für positive Gefühle zu: Bewusstes Genießen lässt sie wachsen. Das Schöne wahrnehmen, aufnehmen und wertschätzen.
Seifenblasen brauchen Schutz
Wenn ein Golfball hindurchschießt, sind sie weg. Deshalb ist im täglichen Leben nicht die Frage wichtig „Wie bekomme ich die eine große Glücksblase?“, sondern: „Wie schaffe ich Raum für viele kleine Seifenblasenmomente über den Tag?“
Viele kleine Momente positiver Gefühle tun unserer psychischen Gesundheit tatsächlich gut. Sie stärken unsere Resilienz und bauen unsere Ressourcen auf, für Zeiten, wenn uns der Wind ins Gesicht bläst.
Drei Übungen aus der Positiven Psychologie
Einer meiner Lieblingssätze aus den Ausbildungen: Leg die Latte so niedrig, dass es leichter ist, darüberzusteigen, als untendurchzukriechen. Verhaltensänderung gelingt über Leichtigkeit, nicht über Anstrengung.
Der positive Tagesrückblick
Zwei Fragen, wenige Minuten am Abend. Erstens: „Was war heute schön?“ Und zweitens – und die ist mir fast noch wichtiger: „Was habe ich dazu beigetragen, dass ich das mitbekommen habe?“ Die erste Frage übt die Wahrnehmung des Schönen – wichtig wegen der Werkseinstellung, Stichwort negativity bias – und die zweite fördert unsere Selbstwirksamkeit. Du kommst dir sozusagen damit selbst auf die Schliche, wie du eigentlich genießt.
Wenn du es aufschreibst, kommt ein Nebeneffekt dazu: Geschriebenes nehmen wir ernster. Und an Tagen, an denen dir wirklich nichts einfällt, kannst du zurückblättern. Dann hast du ein persönliches Ressourcenbuch.
Der Genussspaziergang
Ein Spaziergang, bei dem du bewusst versuchst, möglichst viele angenehme Eindrücke zu sammeln. Der Weg zum Bäcker reicht völlig. Ziel ist, das negativity bias für eine kurze Weile in Urlaub zu schicken. Im Podcast erzähle ich von einem meiner Klienten, bei dem ein einziger solcher Spaziergang etwas in Bewegung gebracht hat, das ihn so lange blockiert hat.
Das 3-2-1 der Dankbarkeit
Für welche drei Dinge in meinem Leben bin ich dankbar? Für welche zwei Dinge heute? Und wofür jetzt, in diesem Moment? Dankbarkeit ist ein besonderes Gefühl, denn sie kann mein ganzes Leben, das Heute und das Jetzt in einer einzigen Minute verbinden.
Ein wichtiger Hinweis, den ich immer dazusage: Sobald so eine Übung zur psychischen Turnübung wird, die du gegen inneren Widerstand absolvierst, bringt sie nichts mehr. Dann pausiere. Auch das ist Psychologie ohne Glückszwang.
Worüber wir außerdem gesprochen haben
Das Gespräch mit Georgiy Michailov ist deutlich weiter gegangen, als ich erwartet hatte, und es war offen, differenziert und stellenweise auch sehr persönlich. Wir haben gesprochen über
- den Unterschied zwischen Potenzialentfaltung und Potenzialentwicklung
- cognitive depletion und unsere psychischen Grundbedürfnisse
- Disziplin, Gewohnheiten – und Freude als Ressource
- warum ich zunehmend von systemischer Resilienz spreche statt von individueller Widerstandskraft
- und was ich in der Begleitung meines Vaters auf seinem letzten Weg gelernt habe.
Gerade dieser letzte Teil war mir nicht leicht, doch er gehört zu meinem Leben und prägt mein Verständnis, was Positive Psychologie ist und warum sie keine toxic positivity ist, bis heute. Wohlbefinden ist eben kein Schönwetterthema.
Zur Folge #162 der SMP LeaderTalks
erschienen am 9. September 2026
Die ganze Folge dauert eine gute Stunde und zwanzig Minuten. Du findest sie bei Apple Podcasts, bei Spotify oder mit Video auf der Seite der SMP LeaderTalks.
Wenn du damit weiterarbeiten möchtest
Seifenblasen und Golfbälle sind ein Einstieg. Wer tiefer einsteigen will, findet bei uns im INNTAL INSTITUT dafür den passenden Rahmen:
- Ausbildung Positive Psychologie – zertifiziert nach DACH-PP, in Bad Aibling bei Rosenheim und online. Hier arbeiten wir mit Emotionsdifferenzierung, Stärken, PERMA und Selbstwirksamkeit – erfahrungsorientiert und wissenschaftlich fundiert.
- Coachingausbildung und Positive Psychology Coach – wenn du andere Menschen professionell begleiten möchtest, von der Lösungs- zur Wachstumsorientierung.
- Coaching-Masterclass – für zertifizierte Coaches, mit Live-Demo-Coachings und persönlichem Feedback.
- Kostenfreie Online-Talks und Impulsabende oder PP-Insights: der einfachste Weg, uns und unsere Arbeitsweise kennenzulernen.
Alle aktuellen Termine findest du in unserem Kalender. Und wenn du unsicher bist, welcher Weg zu dir passt: Ruf einfach an, am besten vormittags.
Bis dahin eine kleine Einladung für heute Abend – zwei Fragen, zwei Minuten:
Was war heute schön? Und was habe ich dazu beigetragen, dass ich es mitbekommen habe?
Herzliche Grüße
Daniela