Positive Psychologie – und warum sie mehr ist als Happyologie

Die Wissenschaft des gelingenden Lebens

Dieser Artikel erschien in Heft5/2015 von Praxis Kommunikation im Junfermann Verlag.

 

Seit über 50 Jahren definiert die WHO Gesundheit als „Zustand des vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht die bloße Abwesenheit von Krankheit“[1]. Arbeitgeber wissen inzwischen um die Bedeutung des Gesundheitsmanagements; Personalverantwortliche und Entscheidungsträger in der Wirtschaft greifen deshalb auf Analysen des Krankenstands zurück, um präventive Maßnahmen zu entwickeln. Aus Erhebungen der letzten Jahre wird deutlich, dass Fehlzeiten aufgrund von psychischen Erkrankungen zunehmen.[2] Weltweit stehen heute Depressionen in Ländern mit mittlerem oder hohem Einkommen an erster Stelle der Krankheitslast.[3] Längst nicht alle Betroffenen bekommen angemessene Hilfe, und die Wartezeiten für einen Therapieplatz sind auch in wohlhabenden Ländern lang. Außerdem garantiert eine Reduktion depressiver Symptome noch längst nicht Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden.

Wenn wir heute über seelische Gesundheit sprechen, dann geht es nicht nur um die Behandlung von Störungen und Erkrankungen, sondern vor allem auch um Prävention. Sowohl individuell als auch gesellschaftlich betrachtet stehen wir deshalb vor der Aufgabe, wirksame Methoden zu entwickeln und flächendeckend einzusetzen, damit mehr Menschen einen Zustand psychischen Wohlbefindens erreichen. Dabei geht es um weit mehr als die Abwesenheit seelischer Störungen, und genau hier setzt die positive Psychologie an.

Eine kurze Geschichte der Positiven Psychologie

Die wissenschaftliche Psychologie begann im ausgehenden 19. Jahrhundert mit einer Periode der Grundlagenforschung im Bereich der Allgemeinen Psychologie, beispielsweise in den Feldern der Wahrnehmung, des Denkens, Lernens und Erinnerns. Schon früh wurde die Psychologie als Teilbereich der Gesundheitsberufe wahrgenommen und übernahm inhaltlich bald das medizinische Krankheitsmodell. Frühe psychotherapeutische Ansätze behielten dieses Modell bei. Psychiater waren und sind seit jeher ausgebildete Fachärzte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fokussierte man sich aus gesellschaftlichen und pragmatischen Erwägungen heraus vor allem auf das Erkennen und Behandeln von seelischen Störungen. Staatliche Stellen – vor allem in den USA – förderten schwerpunktmäßig Forschungsprojekte, die dabei helfen sollten, die psychische Gesundheit der Kriegsteilnehmer wiederherzustellen.

Martin Seligman und Ed Diener, namhafte US-amerikanische Psychologieprofessoren, forderten bereits vor der Jahrtausendwende eine Neuausrichtung der psychologischen Forschung und Anwendung. Seligman selbst war durch seine Arbeiten zu den Hintergründen der Depression und der erlernten Hilflosigkeit bekannt geworden, die bis heute die Grundlage einer wirksamen psychotherapeutischen Behandlung bilden. Seligman charakterisierte die gängige psychologische Perspektive überspitzt als victimology („Opfer-Wissenschaft“), also eine Praxis, die „Reparatur“ des Patienten in den Mittelpunkt stellt.

Als Martin Seligman 1998 zum Präsidenten der Amerikanischen Psychologen-Vereinigung APA gewählt wurde (eine der höchstmöglichen Ehrungen für amerikanische Psychologen), forderte er in seiner Antrittsrede, dass sich die Psychologie auf ihr „Geburtsrecht“ besinnen und sich mit der Erforschung positiver Emotionen, positiver Eigenschaften und positiver Gemeinschaft befassen solle. Statt weiterhin primär auf Defizite und Krankheit zu blicken, sollten Psychologen sich darauf fokussieren herauszufinden, was das Leben lebenswert macht und die Voraussetzungen für ein solches Leben schaffen.[4] Seligman prägte damit die positive Psychologie als neuen Forschungszweig der akademischen Psychologie.

Die Wurzeln der Positiven Psychologie

Die Positive Psychologie wurde von ihren Begründern als Forschungsgebiet des glücklichen, erfüllten Lebens in die akademische Psychologie eingebracht. Christopher Peterson, der wegweisende Arbeiten im Bereich der Charakterstärken beigesteuert hat, nennt die Positive Psychologie „the study of what goes right in life, from birth to death and at all stops in between”.[5]

Als empirische Wissenschaft startete die Positive Psychologie offiziell mit Seligmans Ansprache im Jahr 1998, doch ihre Ursprünge lassen sich deutlich weiter zurückverfolgen bis zu antiken philosophischen Schriften von Aristoteles über Glück, Sinn, Tugend und Moral. Weiterhin kann Abraham Maslow als „Großvater der Positiven Psychologie“ bezeichnet werden, da er sowohl den Namen Positive Psychologie geprägt als auch wesentliche Grundprinzipien positiver menschlichen Entwicklung postuliert hat. Bereits 1954 überschrieb er das letzte Kapitel seines Buchs „Motivation und Persönlichkeit“ mit den Worten „Towards a Positive Psychology“. Seiner Ansicht nach müsse die Psychologie positiver und weniger negativ werden. Sie sollte „keine Furcht haben vor den höheren Möglichkeiten der menschlichen Existenz“ (Maslow, 1965, S. 27). Carl Rogers kann als zweiter „Großvater“ betrachtet werden, da er den Menschen als prinzipiell positiv und entwicklungsfähig betrachtete. Sein Konzept der fully functioning person[6] beschreibt ein Kernkonzept der positiven Psychologie und ist vergleichbar mit dem Begriff des Aufblühens („Flourishing“).

Manche Kritiker werfen der Positiven Psychologie vor, sie verkaufe gewissermaßen alten Wein in neuen Schläuchen und beziehen sich dabei auf diese Ansätze der humanistischen Psychologie der 1960er Jahre, in denen viele Themen der heutigen Positiven Psychologie vorweggenommen wurden. Besonders in der amerikanischen Positiven Psychologie werden die Wurzeln der Positiven Psychologie weniger deutlich genannt; teilweise findet sogar eine explizite Abgrenzung statt. Seligman[7] beispielsweise unterscheidet die heutige empirische Positive Psychologie von der humanistischen Positiven Psychologie im Sinne von Rogers und Maslow. Er kritisiert, dass die humanistische Positive Psychologie ihre Theorien nicht auf eine klare empirische Basis gestellt hatte. Im europäischen Raum, speziell in England, wird jedoch die Vorarbeit Rogers’ und Maslows ausdrücklich gewürdigt und auch in Forschung und Anwendung mit der Positiven Psychologie verbunden.[8]

 

Ziele der Positiven Psychologie

Die Positive Psychologie befasst sich in Theorie und Forschung mit der Frage, was das Leben lebenswert macht. Sie geht von der Annahme aus, dass Menschen ein erfülltes Leben führen und ihrem Leben Sinn geben möchten; dass sie daran interessiert sind, ihre guten Seiten zu entwickeln und auf diese Weise sich selbst, aber auch die Gesellschaft als Ganzes voranzubringen.

Die Positive Psychologie möchte dazu beitragen, dass Menschen ihre Stärken erkennen und einsetzen, positive Gefühle erleben und dies für ein selbstverantwortliches Leben nutzen. Interventionen der Positiven Psychologie haben zum Ziel, das Wohlbefinden zu fördern und die persönlichen Ressourcen zu erweitern. Sie helfen beim Einsatz eigener Stärken und tragen insgesamt zu beruflichem Erfolg und privatem Glück bei. In Unternehmen beispielsweise können damit neue Handlungs- und Entwicklungsräume eröffnet und Innovation und Kreativität gefördert werden.

Damit richtet sich die Positive Psychologie ausdrücklich nicht nur an Patienten mit psychischen Schwierigkeiten oder Störungen, sondern an alle Menschen. In ziel- und ressourcenorientierten individuellen Veränderungsprozessen, wie z. B. im Coaching, kommen immer häufiger Interventionen der Positiven Psychologie zum Einsatz.

 

Positiv – ein Wort mit vielen Bedeutungen

Alltagssprachlich scheint die Bedeutung des Wortes positiv ganz einfach und leicht verständlich. Doch es macht Sinn, die verschiedenen Bedeutungen dieses Wortes einmal genauer zu betrachten.

Das Wort positiv stammt aus dem Lateinischen (positus) und bedeutet dort zunächst gesetzt oder gegeben. Manchmal auch einfach etwas Hingestelltes, weshalb z. B. eine Vorform der Kirchen-Orgel auch Positiv genannt wurde, denn sie war ein Instrument, das auf den Tisch gestellt wurde. Linguisten gebrauchen den Begriff Positiv in Aussagesätzen im Unterschied zum Komparativ in Vergleichssätzen. In manchen Fachsprachen, zum Beispiel in der Medizin,  bedeutet das Wort „positiv“ soviel wie „Ja“, also eine Zustimmung oder Bestätigung. Wenn wir im Alltag das Wort positiv gebrauchen, dann meinen wir damit meist etwas Gutes oder Vorteilhaftes.

Im sogenannten „positiven Denken“, das vor allem in der frühen US-amerikanischen Ratgeberliteratur zu finden ist, geht es um die Betonung des Guten und Wünschenswerten unter Vermeidung des Unangenehmen oder als hinderlich Wahrgenommenen. Hier wird also positiv mit gut gleichgesetzt.

Im deutschsprachigen Raum kennt man auch die Methode der „Positiven und Transkulturellen Psychotherapie“. Diese wurde um 1970 von Nossrat Peseschkian entwickelt, einem aus dem Iran stammenden Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatische Medizin, der lange Jahre in Wiesbaden lebte. Der zentrale Begriff positiv ist dabei nicht im Sinne einer Wertung zu verstehen, sondern im Sinne seiner ursprünglichen Bedeutung (Lateinisch: positum = das Tatsächliche, das Vorgegebene).

Tatsächlich vorgegeben sind nicht notwendigerweise Konflikte und Störungen, sondern die Fähigkeiten, die jeder Mensch mitbringt. Positive Psychotherapie im Sinne von Peseschkian richtet also den Blick auf das Ganze und geht davon aus, dass jeder Mensch die Fähigkeit hat, eine Störung zu entwickeln, aber auch gleichzeitig immer die Fähigkeit zur Gesundung besitzt. Die Positive Psychotherapie nutzt also nicht nur eine vergangenheitsorientierte sondern eine zukunftsorientierte Betrachtung. Neben der Symptomatik wird von Anfang an nach den Ressourcen des Patienten im Sinne seiner Selbstheilungskräfte gefragt. In diesem Sinne ist die Positive Psychotherapie also auch eine ganzheitlich orientierte Psychotherapie, die keinesfalls das Negative ausblendet.

Auch die Positive Psychologie betont die Ressourcen und Möglichkeiten des Menschen. Sie erkennt an, dass das Wesen der menschlichen Psyche auf Wachstum, Kreativität und Selbstwirksamkeit ausgelegt ist. In der Positiven Psychologie als wissenschaftliche Forschungsrichtung geht es demnach nicht nur um Störungen und deren Entstehungen, sondern explizit auch um die Erforschung des Wohlbefindens und Glückserleben, um Möglichkeiten der Förderung von menschlichem Gedeihen und Glück. Sie schließt neben den negativen Erfahrungen und Belastungen, die ein Mensch erfahren mag, auch die psychischen Ressourcen und Selbstheilungskräfte des Menschen mit ein und nutzt diese in Beratung und Intervention.

Die Entwicklung der Positiven Psychologie in Amerika und die der Positiven und Transkulturellen Psychotherapie in Deutschland verliefen unabhängig. Der Begriff Positive Psychotherapie wird von beiden Ansätzen verwendet; beide sind aber inhaltlich und methodisch nicht deckungsgleich. Beide Schulen betonen aber ausdrücklich die Wichtigkeit einer lösungs- und wachstumsorientierten Grundhaltung und stehen damit auf der Grundlage der Humanistischen Psychologie.

 

Was Positive Psychologie nicht ist

Die Positive Psychologie ist also nicht mit dem sogenannten „positiven Denken“ gleichzusetzen. Das „positive Denken“ im Sinne der amerikanischen Ratgeberliteratur verfügt über keine wissenschaftliche Basis; die Positive Psychologie ist dagegen ein Gebiet der akademischen Psychologie und nutzt wissenschaftliche Methoden, um ihre Modelle und Interventionen zu validieren.

Die Positive Psychologie ist auch keinesfalls nur eine Psychologie des Erfreulichen, Wünschenswerten, Vergnüglichen; sie ist keine Happyologie. Verschiedene Autoren warnen davor zu Recht und wenden sich gegen eine Positive Psychologie, wenn diese bloß eine Happyologie sein soll, die das Negative ausblendet und das Positive überbetont. Menschliche Entwicklung sei ohne Leid und Belastung nicht möglich.[9] In den frühesten Jahren der Positiven Psychologie ist das Pendel vielleicht mitunter zu stark in Richtung „positiv“ im Sinne von „gut“ oder „wünschenswert“ ausgeschlagen, doch haben Seligman (2003) und Peterson (2006) schon früh betont, dass das Negative natürlich in gleicher Weise Gegenstand der Forschung und Anwendung sein muss – nur eben nicht ausschließlich.

Der Begriff einer „Positiven Psychologie“ sollte auch nie die Existenz einer „Negativen Psychologie“ implizieren oder die bestehende Psychologie als „negativ“ abwerten. Dieses Missverständnis rührt von der einseitigen Interpretation des Wortes positiv her. Wer das gesamte Spektrum der Bedeutungen des lateinischen Ursprungs kennt, weiß, dass etwas Positives nicht automatisch etwas Negatives impliziert. Martin Seligman und Christopher Peterson wollten die Positive Psychologie von Anfang an als notwendige und sinnvolle Ergänzung der Psychologie verstanden wissen. Christopher Peterson äußert in seinem Grundlagenwerk sogar explizit die Hoffnung, dass die Positive Psychologie in einigen Jahren vollständig in die Psychologie integriert sein werde.[10]

 

Kritik an der Positiven Psychologie

In der heutigen, globalisierten Welt können und sollten neue Forschungsgebiete auch vor dem Hintergrund aktueller Paradigmen diskutiert werden. Die Positive Psychologie wurde in diesem Zusdammenhang teilweise als „Wissenschaft für reiche, weiße Menschen“ bezeichnet.[11] Kritisiert wird hier eine individualistische Sichtweise und die Fokussierung auf westliche Kulturwerte.

Es mag zutreffen, dass in den frühen Jahren viele Studien, vor allem in den USA, mit weißen, studentischen Versuchspersonen durchgeführt wurden, und diese keinen repräsentativen Querschnitt der (globalen) Gesellschaft abbildeten. Dies hat sich in den Folgejahren dahingehend geändert, dass die Forschung auch außerhalb der USA deutlich intensiver geworden ist und heute auch sowohl im europäischen als auch im asiatischen Raum zur Positiven Psychologie geforscht wird. Hier ist sicher noch viel zu tun, um kulturübergreifend ein umfassenderes Bild menschlicher, positiver Entwicklung zu zeichnen, doch der Anfang ist gemacht.

Eine kürzlich erschiene Analyse aller wissenschaftlichen Veröffentlichungen im Bereich der Positiven Psychologie von 1999 bis 2013 zeigt, dass in diesem Zeitraum zwar knapp 40 Prozent aller Studien mit studentischen Versuchspersonen durchgeführt wurden, aber immerhin 35 Prozent mit Erwachsenen (meist im beruflichen Kontext) und 16 Prozent mit Kindern oder Jugendlichen.[12] Verglichen damit, dass in der klassischen psychologischen Forschung 70 bis 90 Prozent der Studien mit studentischen Versuchspersonen arbeiteten[13], erscheint dies als Fortschritt.

Dem Kritikpunkt, dass sich die Positive Psychologie zu stark auf Individuen konzentriere und Gemeinschaften, Teams bzw. die Gesellschaft außer acht lasse, lässt sich entgegenhalten, dass das Feld der Positiven Organisationspsychologie (POS, Positive Organizational Scholarship) in den letzten Jahren stark gewachsen ist, ebenso Führungsansätze, die auf Konzepten der Positiven Psychologie aufbauen (vgl. Positive Leadership, Cameron, 2013, oder Authentic Leadership, Luthans, Norman & Hughes, 2006). Auch im pädagogischen Bereich gibt es bereits vielversprechende Ansätze in der Anwendung; im europäischen Raum scheint England bei dem Vorhaben, Positive Psychologie in die Schulen zu bringen, Vorreiter zu sein, aber auch an immer mehr deutschen Schulen gibt es ein Schulfach „Glück“.

Die Positive Psychologie ist heute also als länderübergreifendes, psychologisches Fachgebiet anzusehen und längst nicht mehr nur auf die USA beschränkt. England trägt speziell auf dem Feld qualitativer Forschung Wesentliches bei, und der deutschsprachige Raum ist bisher vor allem durch die Forscher der Universität Zürich um Professor Willibald Ruch vertreten. In Deutschland gibt es inzwischen einzelne Professoren an verschiedenen Universitäten, die im Bereich der Positiven Psychologie forschen, jedoch (noch) kein Zentrum mit so explizitem Forschungsschwerpunkt wie in der Schweiz.

 

Positive Psychologie 2.0 – ein integriertes Modell der Psychologie

Führende Weiterentwickler der Positiven Psychologie, wie z. B. Paul Wong (2011), integrieren explizit auch negative Aspekte menschlicher Erfahrung und fordern ein umfassendes Verständnis dafür, wie sich positive menschliche Entwicklung generell fördern lässt. Als Positive Psychologie 2.0 (Wong, 2011) wird heute die zweite Welle der Positiven Psychologie bezeichnet, die explizit auch negative Lebensereignisse mit einbezieht und untersucht, wie sie zum gelingenden Leben führen können.[14]

Paul Wong kritisierte an der ersten Welle der Positiven Psychologie (Positive Psychologie 1.0), dass in ihr lange die Realität und den möglichen Nutzen negativer Emotionen und Erfahrungen zu wenig beachtet wurden. Negative Gefühle wie Wut, Frustration, Schuld und Bedauern können uns aber motivieren, uns zum Positiven zu verändern. Abgesehen davon bestehen viele menschliche Erfahrungen aus einer Mischung positiver und negativer Emotionen; ein reiner Fokus auf das Positive würde daher übermäßig simplifizieren. Wong empfiehlt seine Positive Psychologie 2.0 ausdrücklich als Ergänzung zu Seligmans Definition des Forschungsgebietes, so wie dieser sie 1998 formuliert hatte.

Wong fordert eine neue Taxonomie der Positiven Psychologie, also eine Klassifikation, die gleichermaßen Nutzen und Risiken des Positiven und Negativen umfassen soll.

 

Vorbedingungen

 

Anpassungsprozesse

Ergebnisse

positiv

gute Lebensbedingungen,

gute Gesundheit,

positive Einstellung,

Ressourcen

 

Selbstbestimmung,

angepasstes Coping
Verhaltensflexibilität,

Zielerreichung

Wohlbefinden,
Aktualisierung, Tugend,

Nutzen für die Gesellschaft,

negativ

schlechte Lebensbedingungen,

schlechte Gesundheit,

negative Einstellung,

Mangel an Ressourcen

 

Akzeptanz,

Ausdauer,

Transzendenz,

Transformation

Weisheit, Bescheidenheit, Wachstum, Reife, Geduld, Glaube, Spiritualität

Abbildung 52: Paul Wongs Taxonomie der Positiven Psychologie 2.0 (zitiert nach Wong 2011, S. 71, Übersetzung Daniela Blickhan)

 

Positive Vorbedingungen wie gute Lebensbedingungen, eine positive Einstellung, stabile Gesundheit und das Vorhandensein von Ressourcen ermöglichen selbstbestimmtes, flexibles Handeln. Dieses führt zu persönlichem Wohlbefinden, Wachstum (im Sinne der Selbstaktualisierung) und leistet einen positiver Beitrag für die Entwicklung des Indidviduums, seines Umfeldes und damit auch der Gesellschaft.

Negative Vorbedingungen, d.h. schlechte Lebensbedingungen, negative Einstellungen, beeinträchtigte Gesundheit und ein Mangel an Ressourcen führen nicht zwangsläufig zu einer fortgesetzten Abwärtsspirale in Richtung eingeschränkter psychischer Leistungsfähigkeit, die zu weiterem Leiden führt.

Die Positive Psychologie 1.0 hätte nun, vereinfacht gesagt, empfohlen: „Don’t worry, be happy“. Dies wäre dann genau das verzerrte Bild der Positiven Psychologie im Sinne der „Tyrannei des Positiven“ (Held, 2002). Die Positive Psychologie 2.0 untersucht dagegen, wie Belastung und Leid über gelingende Bewältigung im Sinne von Akzeptanz, Ausdauer und Transformation letztlich zu Geduld, Wachstum, Weisheit, und Spiritualität führen kann. Paul Wong empfiehlt diese neue Taxonomie ausdrücklich als Anregung für weitere Forschung in einem Feld der balancierten Positiven Psychologie, die das gesamte Spektrum menschlichen Erlebens umfasst.

In ihrem kürzlich erschienenen Buch The Upside of Your Dark Side (Das Gute an deiner Schattenseite) argumentieren Todd Kashdan und Robert Biswas-Diener, beide Vertreter der jüngeren Generation Positiver Psychologen, dass Menschen nicht nur nach positiven Emotionen streben sollten sondern nach Ganzheit (Kashdan & Biswas-Diener, 2014). Auf Grundlage aktueller Forschungsergebnisse beschreiben sie den Nutzen „negativer“ Emotionen. Kashdan und Biswas-Diener argumentieren überzeugend, dass Menschen, die ihr volles emotionales Spektrum nutzen können, gesünder und erfolgreicher sind.

Ihr Konzept der Ganzheit beruht auf psychischer Beweglichkeit im emotionalen, sozialen und geistigen Sinn. Um dies in Coaching oder Selbstcoaching zu unterstützen beschreiben die beiden zwei notwendige Dimensionen eines erfolgreichen und glücklichen Lebens (Kashdan & Biswas-Diener, 2014, S. 201):

 

Genuss (pleasure) ⇔ Sinn (meaning)

Neuheit ⇔ Vertrautheit

 

Menschen suchen in ihrem Leben stets sowohl nach Genuss als auch nach Sinn, und zwar in einer guten Mischung aus neuen und vertrauten Erfahrungen. Kashdan und Biswas-Diener fordern dazu auf, die eigenen Gedanken und Gefühle weniger als Reaktionen auf äußere Umstände zu betrachten, sondern sie stattdessen als Werkzeuge zu sehen, die sich je nach den Erfordernissen der aktuellen Situation einsetzen lassen. „Einfach gesagt“, appellieren sie, „hören Sie auf, Ihre inneren Zustände als gut oder schlecht oder positiv oder negativ zu benennen, und beginnen Sie damit, sie als mehr oder weniger nützlich für eine bestimmte Situation zu betrachten.“[15]

Statt Genuss (kurzfristige Befriedigung) und Sinn (langfristige Werteorientierung) als Konkurrenten zu sehen, sei es für die psychische Beweglichkeit wichtiger, beides zu verfolgen. Genuss wird eher kurzfristig gesucht, für Sinn und Bedeutung wählen Menschen meist eine längere Zeitperspektive und sind dafür auch bereit, Entbehrungen auf sich zu nehmen. Kashdan und Biswas-Diener gehen sogar so weit, eine Formel für diese Zusammenhänge zu nennen:

In den Worten der Autoren: „Investieren Sie in wirklich bedeutsame Ziele (…). Lassen Sie gleichzeitig in Ihrem täglichen Leben viel Raum für Spass; geniessen Sie die sinnlichen, zwischenmenschlichen und intellektuellen Freuden – so lange diese nicht im Widerspruch zu Ihren tiefsten Werten stehen. Statt dem nachzugeben, was Sie sein sollten, erlauben Sie sich ganz zu werden und gut zu leben.“ (S. 207, Übersetzung Daniela Blickhan)

Diese pragmatische Herangehensweise an die Gestaltung des eigenen Lebens und die Erreichung von Erfolg und Wohlbefinden steht heute stellvertretend für zahlreiche Vertreter der Positiven Psychologie.

 

Zusammenfassung und Ausblick

Die Positive Psychologie ist mit dem Ziel angetreten, ein Verständnis dafür zu schaffen, wie sich Menschen, Gemeinschaften, Teams und Organisationen, sowie die Gesellschaft als Ganzes grundsätzlich positiv entwickeln können und „aufblühen“. Einerseits setzt dies voraus, dass Mechanismen positiver Entwicklung beschrieben werden und ein Verständnis ihrer Zusammenhänge entwickelt wird. Sobald klar ist, was positive Entwicklung in ihren verschiedenen Facetten vom Individuum bis zur Gesellschaft als Ganzes umfassen kann, besteht der folgerichtige nächste Schritt darin, eben diese positiven Entwicklungen zu unterstützen und zu fördern, also konkrete Anwendungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Damit lenkt die Positive Psychologie die Aufmerksamkeit auf neue Themen, die bis dahin in der wissenschaftlichen Forschung eher vernachlässigt worden waren. Die Positive Psychologie hat nicht nur neue Forschungsthemen in die wissenschaftliche Psychologie eingebracht, sondern auch Impulse geliefert, um traditionelle Forschungsgebiete auf neue Weise zu betrachten und zu entwickeln. Zu nennen wäre hier beispielsweise die Erweiterung des psychologischen Attributionsmodells auf positive, funktionale Bewertungsmuster, die Optimismus und Resilienz fördern. Auch Seligmans Erweiterung der „Erlernten Hilflosigkeit“ zum „Erlernten Optimismus“ könnte man anführen. Ein anderes Beispiel ist das Gebiet der Positiven Organisationspsychologie, zum Beispiel im Ansatz des Psychological Capital (vgl. Avey, Reichard, Luthans & Mhatre, 2011). Die Zahl der universitären Studiengänge für Positive Psychologie nimmt stetig zu, und längst gibt es sie nicht nur in den USA, sondern auch an Universitäten in England, den Niederlanden, Dänemark und Australien.

Die Positive Psychologie betrachtet menschliche Entwicklung als natürlichen Prozess, in dem Menschen danach streben, sinnvoll, glücklich und gut zu leben. Dies geschieht in ganz unterschiedlichen sozialen Kontexten, und so umfasst positiv psychologische Forschung das Arbeits- und Familienleben ebenso wie die Schule und auch das Zusammenleben in der Gesellschaft. Der größte professionelle Verband im Bereich der Positiven Psychologie, die International Positive Psychology Association, fasst dies auf seiner Website so zusammen: "Die Positive Psychologie geht von der Grundannahme aus, dass Menschen ein sinnvolles und erfülltes Leben führen möchten, ihre besten Seiten entwickeln wollen und ihre Erfahrungen von Liebe, Arbeit und Spiel (play) vertiefen. (...) Um positive Emotionen zu verstehen, braucht es Verständnis darüber, wie Zufriedenheit mit der Vergangenheit entsteht, Freude in der Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft." (www.ippanetwork.org)

Für die Unterstützung individueller positiver Entwicklung wurde innerhalb der Positiven Psychologie inzwischen eine große Bandbreite an Konzepten und Interventionen beschrieben. Um Flourishing auf der Ebene von Organisationen und der Gesellschaft zu fördern, sind neben weiterer Forschung nun vor allem mutige und innovative Menschen an den Schaltstellen gefragt, die die praktische Umsetzung ermöglichen und fördern.

Pilotprojekte an Schulen wie zum Beispiel das „Schulfach Glück“ in Deutschland und der Erfolg englischer, schottischer und australischer Modellschulen zeigen, wie die positive Entwicklung von Kindern mit relativ einfachen Mitteln praktisch unterstützt werden kann. Maßnahmen in Organisationen, sei es im betrieblichen Gesundheitsmanagement, in Seminaren oder in der Ausbildung von Führungskräften zeigen, wie die Konzepte der Positiven Psychologie nicht nur das Wohlbefinden einzelner fördern, sondern die Qualität der Zusammenarbeit verbessern, Fluktuation und Krankheitstage senken und Kreativität, Innovation und Produktivität steigern können.

Das Faszinierende an der Praxis der Positiven Psychologie ist die Eingängigkeit ihrer Konzepte und Interventionen. Sie sind in hohem Maße einleuchtend und praxistauglich, für Coachingklienten und Psychotherapiepatienten ebenso wie für Schüler und Studierende, oder für Mitarbeiter und Führungskräfte. Es bleibt zu hoffen, dass sich Christopher Petersons Wunsch erfüllen wird, dass die Positive Psychologie in einigen Jahren vollständig in die Psychologie integriert sein wird (Peterson 2006).

 

 

Literaturverzeichnis

Avey, J. B., Reichard, R. J., Luthans, F. & Mhatre, K. H. (2011). Meta-analysis of the impact of positive psychological capital on employee attitudes, behaviors, and performance. Human Resource Development Quarterly, 22 (2), 127–152.

Becker, D. & Marecek, J. (2008). Dreaming the American Dream: Individualism and Positive Psychology. Social and Personality Psychology Compass, 2 (5), 1767–1780.

Blickhan, D. (2015). Positive Psychologie. Ein Handbuch für die Praxis. Paderborn: Junfermann.

Cameron, K. S. (2013). Practicing positive leadership. Tools and techniques that create extraordinary results (1st ed). San Francisco: Berrett-Koehler Publishers.

Donaldson, S. I., Dollwet, M. & Rao, M. A. (2014). Happiness, excellence, and optimal human functioning revisited: Examining the peer-reviewed literature linked to positive psychology. The Journal of Positive Psychology, 1–11.

Held, B. S. (2002). The tyranny of the positive attitude in America: Observation and speculation. Journal of Clinical Psychology, 58 (9), 965–991.

Kashdan, T. & Biswas-Diener, R. (2014). Upside of your dark side. Why being your whole self - not just your "good" self - drives Success and Fulfillment. [S.l.]: Penguin Books.

Luthans, F., Norman, S. & Hughes, L. (2006). Authentic leadership. Inspiring leaders, 84–104.

Maslow, A. (1965). A philosophy of psychology. The need for a mature science of human nature. In F. (Severin (Hrsg.), Humanistic viewpoints in psychology. New York, NY: McGraw-Hill.

Mathers, C., Fat, D. M. & Boerma, J. T. (2008). The global burden of disease: 2004 update: World Health Organization.

Peterson, C. (2006). A Primer in positive psychology. New York: Oxford University Press.

Schmid, W. (2012). Unglücklich sein. Eine Ermutigung (1. Aufl.). Berlin: Insel Verlag.

Wong, P. T. P. (2011). Positive psychology 2.0: Towards a balanced interactive model of the good life. Canadian Psychology/Psychologie canadienne, 52 (2), 69–81.

 

[1] Präambel der Verfassung der World Health Organization, beschlossen auf der International Health Conference, New York, 1946.

[2] Vgl. dazu die Fehlzeiten-Reports des Wissenschaftlichen Instituts der AOK  und der Universität Bielefeld. (Badura, B., Ducki, A., Schröder, H., Klose, J., Meyer, M. (Hrsg.) (2015) oder auch Badura, B., Ducki, A., Schröder, H., Klose, J., Meyer, M. (Hrsg.) (2015))

[3] Die Krankheitslast umfasst sowohl durch Tod verlorene Lebensjahre als auch krankheitsbedingt beeinträchtigte Lebensjahre. Vgl. die Studien der WHO Mathers, Fat und Boerma (2008)

[4] Vgl. Seligman (2005)

[6] Leider lässt sich „fully functioning“ nur schlecht direkt ins Deutsche übertragen, da hier das Wort „funktionieren“ einen eher negativen Beigeschmack hat. Fully functioning beschreibt volle psychische Leistungsfähigkeit – wobei „Leistung“ hier nicht „Arbeitsleistung“ bedeutet, sondern das ganzheitliche und persönlich sinnstiftende Nutzen des eigenen Potenzials.

[7] Seligman (2005a)

[8] vgl. z.B. Joseph und Linley (2011)

[9] vgl. Barbara Helds Buch The Tyranny of the Positive ((2002)) oder Schmid (2012))

[13] vgl. z.B. Sears (1986)

[14] Anmerkung: Hier werden positiv und negativ im alltagssprachlichen Sinne verwendet, also im Sinne von gut und schlecht. Wong verwendet diese Begriffe auch in diesem Sinne.

[15] Kashdan & Biswas-Diener (2014),  S. 202, Übersetzung Daniela Blickhan.

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